Verspielte Bildung

von Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner

Verspielt zu haben, heißt etwas anderes als verspielt zu sein. „Verspielte Bildung“ kann sich auf beides beziehen: auf vertane Bildungschancen einerseits und Schillers philosophisches Bildungsideal andererseits – der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Dieser Doppelsinn des „Verspielten“ bestimmt die These des vorliegenden Beitrags: Die Bildungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland verfehlt ihre Aufgabe in dem Maße, in dem sie das Spielerische der (Persönlichkeits-)Bildung durch das Zweckhafte der (Berufs-)Ausbildung verdrängt. Ohne Spiel-Räume zweckfreier Persönlichkeitsentwicklung werden unsere Universitäten nicht den „ganzen Menschen“ im Sinne Schillers hervorbringen, sondern höchstens halbgebildete Fachleute mit berufsspezifischen Kompetenzen. Dann haben wir am Ende Mediziner, die keine Ärzte sind, Juristen, die nicht mehr an Gerechtigkeit glauben und Politikfunktionäre ohne Gemeinsinn.

Die betreffende Bildungsmisere beginnt in Elternhäusern, in denen die bezeichnenderweise so genannten Familienspiele in Vergessenheit geraten und durch Computerspiele ersetzt sind, die für immer jüngere Kids auf dem lukrativen Spielzeugmarkt angeboten und mit immer mehr Marketingaufwand um Angebote für Solospieler auf dem Smartphone ergänzt werden. Wenn die smarten Solisten aber nicht mehr gemeinsam spielen, verkümmern Wittgensteins „Sprachspiele“ zu Akten funktionaler Kommunikation – gewissermaßen mit Händen greifbar in der elektronischen Versendung von Kurznachrichten, die nicht auf eine ernsthafte Antwort angelegt sind und damit das Prinzip des Monologischen geradezu zum Ritual erheben. So geht auf Dauer der Sinn für Gemeinsamkeiten verloren, die erst im Gespräch gestiftet werden. In der Tradition des unsterblichen Sokrates bedeutet dies den Verlust des dialogischen Modus der Sprache.

Was die Spiel-Regeln der Schriftsprache betrifft, bietet die sogenannte Rechtschreibreform der 1990er Jahre ein bedauerliches Beispiel für eine ideologisch verspielte Chance schulischer Bildungsmöglichkeiten. Um „unterprivilegierten Unterschichtkindern“ – die von den Vertretern einer „emanzipatorischen Pädagogik“ tatsächlich so stigmatisiert wurden – das Erlernen der deutschen Orthographie ohne häusliche Hilfe zu erleichtern, verzichtet die „neue Rechtschreibung“ auf angeblich schwer zu vermittelnde Differenzierungen. Beispielsweise soll es keinen Unterschied mehr geben zwischen einem „frisch gebackenen“ Brot und einem „frischgebackenen“ Ehepaar (weil beides getrennt zu schreiben ist). Goethes „geliebtes Deutsch“ wird auf diese Weise so nach unten nivelliert wie es der Orientierung an „Unterschicht“-Familien entspricht, in denen wenig geschrieben und noch weniger gelesen wird.

Die beispielhaft genannte Differenzierung und andere Regeln richtigen Schreibens sind entstanden, um den Lesern das Verstehen geschriebener Texte zu erleichtern. Es war deshalb ein orthographischer Kategorienfehler „emanzipatorischer“ Reformpolitik, sich statt am (Viel-)Leser am (Wenig-)Schreiber orientiert zu haben. Vergleichbar kategoriale Kritik verdient die in einigen Bundesländern etablierte Praxis, Schulanfängern das Schreiben nicht nach der bewährten Fibelmethode beizubringen, sondern nach Gehör, das heißt: nach dem Klang eines Wortes. Grundschüler, die bei „Voiawer“ den Klang eines „a“  in der Wortmitte hören und das Gehörte dann auch so schreiben dürfen, haben neben dem Schaden, umlernen zu müssen, auch noch den Spott derer, die aus „privilegierten“ Familien stammen und buchstäblich spielend gelernt haben, wie „Feuerwehr“ geschrieben wird.

Die Alternative zur „emanzipatorischen“ Bildungspolitik ist nicht der Rückfall in die autoritäre Struktur obrigkeitsstaatlich organisierter Schulen und Universitäten, sondern der Mut zu einem „verspielten“ Verständnis von Persönlichkeitsbildung im Sinne des „homo ludens“ (Huizinga). Das kritische Potential dieses – mit Schillers Bildungsideal kompatiblen – Verständnisses richtet sich heute vor allem gegen die globale Dominanz des „homo oeconomicus“ und die Ökonomisierung des Erziehungs- und Bildungswesens zum Zwecke einer Profitmaximierung des investierten Humankapitals. Die betreffende Maximierungsstrategie opfert die alteuropäische Klugheit situationsgerechten Handelns auf dem Altar neuzeitlicher Rationalität und instrumenteller Rationalisierbarkeit. Verkürzung gymnasialer Bildung von neun auf acht Jahre und politischer Druck auf kürzere Studienzeiten sind Ausdruck einer solchen Strategie des kurzen Prozesses. Die Gegenstrategie beruht auf der Überzeugung: Bildung braucht Zeit, Bildungszeit ist Reifezeit und Persönlichkeiten reifen nicht nach ökonomischem Kalkül, sondern in der Freiheit, sich selbst entdecken und das Leben nach eigenem Entwurf gestalten zu können.

Die Freiheit, die diesem Ideal der Persönlichkeitsbildung entspricht, ist in einem spezifischen Sinne „zwecklos“ (Georg Simmel): Ihre Frei-Räume ergeben sich dort, wo es nicht um den Einsatz geeigneter Mittel zur Erfüllung bestimmter Zwecke geht. Derartige Räume sind die Spiel-Räume der hier propagierten Bildungspolitik. In ihnen kann jener dialogische Modus der Sprache wirksam werden, von dem eingangs die Rede war. Für die „Zwecklosigkeit“ dieses Modus kann man mit Wittgenstein den Begriff des Sprachspiels verwenden; in ihrem philosophischen Ursprung ist die verspielte Struktur eines lebendigen Dialogs aber sokratisch. Was Gerechtigkeit, Tapferkeit oder Schönheit bedeuten, ergab sich für den Sokrates der frühplatonischen Dialoge nicht monologisch aus anwendungsfähig definierten Begriffen, sondern aus Denk-Spielen, die der Besinnung darauf dienten, sich und einander den Sinn der besprochenen Phänomene im spielerischen Ringen eines ernsthaften Gesprächs zu erschließen.

Schulische und universitäre Prüfungen nach dem multiple-choice-Modell schließen das dialogische Prinzip sokratischer Frage-und-Antwort-Spiele aus und verhindern jede Kreativität. Sie fördern das Auswendiglernen von Inhalten und den Irrtum, das so angehäufte Wissen sei schon Bildung. Schüler, die nur gelernt haben, das „frisch gebackene“ Ehepaar getrennt zu schreiben, verfügen nicht über den (Bildungs-)Horizont, den metaphorischen Sprachgebrauch zu erkennen, der nach semantischer Regelbildung Zusammenschreibung verlangt – im Unterschied zur Getrenntschreibung bei nicht-metaphorischem Gebrauch. An der Begründung solcher Regeln spielerisch beteiligt zu werden (etwa: „frisch gebacken“ bedeutet bei einem Ehepaar eine Körperverletzung), fördert die Lust am Mitspielen, stärkt  Bildungsbereitschaft und Bildungsfreude und erhöht das Bildungsniveau. Das Verspielte dieses Ansatzes macht das Bildungsgeschehen nicht zum bloßen Spiel, befreit es aber von der ausbildungsspezifischen Zurüstung für den Karrierekampf.