Sokrates und die Freiheit des Fragens

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W  Fünftes Gespräch: Sokrates und die Freiheit des Fragens.

R  Der erste Philosoph, den wir einen wahren Freiheitsfreund nennen und nun näher vorstellen, musste als Todesstrafe einen Becher voll Gift trinken.

Z  Aber doch nicht etwa, weil er Philosoph war?

W  Bei Sokrates kann man die Person nicht von der Berufung zum Philosophieren trennen.

Z  Er könnte aber wegen anderer Taten verurteilt worden sein, die nichts mit seinem Philosophieren zu tun hatten. Weshalb hat man ihm denn den Prozess gemacht?

W  Zwei Anklagen wurden gegen ihn erhoben: Er habe die griechischen Götter verunglimpft und die Jugend Athens verdorben.

R  Beide Anklagepunkte haben durchaus etwas mit der Art seines Philosophierens zu tun, jedoch hat Sokrates vor Gericht betont, zu Unrecht angeklagt worden zu sein.

W  Ich frage mich aber, weshalb er dann trotzdem das Todesurteil annahm.

R  Nach der Verteidigungsschrift seines berühmten Schülers Platon, der Apologie des Sokrates, war das Urteil der 500 Athener Geschworenen ein Fehlurteil.

Z  Dass ein Philosoph für seine Zunft eintritt und der Schüler seinen Lehrer verteidigt, ist nicht verwunderlich. Wie kam es überhaupt zu den Anklagen? Üblicherweise sagt man ja: Irgend etwas wird schon dran sein.

W  Sokrates war einigen Zeitgenossen verdächtig, weil er die herrschenden Lehren durch kritische Fragen in Zweifel zog. Seine Art des Philosophierens ist durch eine bestimmte Haltung charakterisiert, die wir als „Freiheit des Fragens“ würdigen.

R  Was die Anklage wegen Gotteslästerung angeht, müssen wir uns in den Geist der Zeit zurückversetzen, das heißt: in das Jahr 399 v. Chr. Die Götter waren im damaligen Griechenland die Garanten der Weltordnung. Wenn Sokrates so frei war, diese Ordnung zu hinterfragen, konnte das als Angriff auf die Götter gewertet werden.

W  Und seine Gegner wollten dies so sehen, um ihn verleumden und letztlich aus dem Weg schaffen zu können.

R  Damit behauptest du indirekt, dass der Prozess gegen Sokrates politisch motiviert war.

W  Für diese Ansicht gibt es gute Gründe. Schließlich war Kritias, einer der Tyrannen, sein Schüler. Es liegt also durchaus nahe, dass dessen Lehrer als geistiger Brandstifter in später Rache unschädlich gemacht werden sollte.

Z  Wie steht es mit dem zweiten Anklagepunkt? Könnte auch er ein politisches Motiv gehabt haben?

 

W  Wie wir aus Platons Apologie erfahren, hat Sokrates sich gegen den Vorwurf, Verführer der Jugend zu sein, erfolgreich verteidigt.

 

R  Damit beziehst du dich auf Platons literarische Darstellung. Prozessakten mit Protokollen über die Verteidigungsrede des Sokrates gibt es nicht.

 

Z  Wie kam es zur Behauptung der Jugendverführung?

 

R  Sokrates pflegte seine Gesprächspartner in einen Dialog zu verwickeln, dessen Ausgang immer offen war. Er verführte dazu, Argumenten zu folgen und nicht der Autorität herrschender Meinungen in einer unaufgeklärten Gesellschaft.

 

W  Hat er vielleicht, ohne es zu beabsichtigen, die reichen Jünglinge gegen das Establishment angestachelt?

 

R  Selbstverständlich hat Sokrates sie nicht direkt gegen ihre Väter aufgehetzt. Diese können aber den Eindruck gewonnen haben, ihre Söhne seien von der antiautoritären Art des Fragens fasziniert und in gefährlicher Weise infiziert worden.

 

W  Aber wer wie Sokrates bereit ist, das Gespräch offen zu halten und sogar aporetisch enden zu lassen, verführt zumindest nicht zu einer bestimmten Überzeugung oder gar ideologischen Doktrin.

 

Z  Was bitte bedeutet, das Gespräch „aporetisch enden zu lassen“?

R  „Aporetisch“ bedeutet „ausweglos“. Sokrates hat seine Dialogpartner nicht auf einem von ihm bestimmten Weg an ein von ihm vorgegebenes Ziel des Dialogs geführt. Und am Ende des Weges standen keinen endgültigen Definitionen.

Z  Hat dies mit dem berühmt gewordenen Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß zu tun?

R  In gewisser Weise ja. Aber der Satz gibt die sokratische Position nicht korrekt wieder. In der Apologie heißt es wörtlich übersetzt: „dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“ Was man wissen kann, ist abhängig vom jeweils besprochenen Gegenstand.

W  Ich glaube, Sokrates war sich bewusst, dass es kein absolutes Wissen geben kann.

R  Damit ist jedoch nicht gesagt, dass er die Möglichkeit, zu wahrer Erkenntnis zu gelangen, prinzipiell ausschließt.

W  Da Sokrates aber anders als Platon keine Erkenntnistheorie anstrebt, sondern sein erkennendes Bemühen auf die Sorge um das richtige Leben richtet, gibt es diesbezüglich keine endgültige Antwort.

R  Hinter dem sogenannten Nichtwissen verbirgt sich nach meiner Überzeugung mehr als eine bloße Bescheidenheitsgeste. Philosophisch gibt es nämlich einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Modus des dialogischen Philosophierens.

Z  Das ist Ihre These. Aber den genauen Zusammenhang müssen Sie mir erst noch erklären.

R  Für eine angemessene Erklärung müssen wir den Unterschied zur Position Platons skizzieren. Wahre Erkenntnis im platonischen Sinne gewinnt der Philosoph durch das Erfassen der Ideen, in deren Licht das Wesen der Dinge erkannt wird.

W  Sokrates dagegen hatte keine Ideenlehre. Daher könnte er auch gesagt haben: Ich weiß, dass ich die Ideen als wahre Wesenheiten der Dinge nicht erkennen kann.

R  Sein Streben nach Erkenntnis bleibt stets innerhalb des Dialoggeschehens. Der Dialog findet seinen Höhepunkt nicht im Erfassen einer Idee als der absoluten Wahrheit. Abschließende Antworten werden erst gar nicht gesucht.

W  Willst du damit sagen, seine Erkenntnis sei im Vergleich zu Platons absoluter Wahrheit relativ, um den Gegensatz von Absolutheit und Relativität zu betonen?

R  Ich würde nicht von Relativität sprechen, sondern von Relationalität.

Z  Sie fürchten also eine Relativierung der von Ihnen so geschätzten dialogischen Wahrheitssuche?

R  Mit dem Begriff der Relativität würde man philosophische Einsichten zu bloßen Meinungen herabstufen. Wenn Sokrates das Philosophieren in diesem Sinne relativiert hätte, wäre er ein Vorbote unseres postfaktischen Zeitalters gewesen.

W  Aber die sokratischen Dialoge leben doch davon, dass die Dialogpartner ihre jeweiligen Meinungen einbringen.

R  Schon, aber sie stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern es entwickelt sich ein dynamischer Klärungsprozess, ein eigener Logos des Dialogs, der die subjektive Beliebigkeit überwindet, aber dennoch nicht zu einem absoluten Wissen führt.

W  Im inneren Klärungsprozess der Meinungen ist also das Relationale bestimmend, während Platon auf das Absolute zielt, das sich vom Relationalen abkoppelt. Hannah Arendt kritisiert Platons Absolutheitsanspruch als „Tyrannei der Wahrheit“.

R  Der Untertitel ihrer Vorlesung zu Sokrates lautet: „Apologie der Pluralität“, Verteidigung einer Vielfalt der Weltsichten, die der Verschiedenheit der Menschen entspricht.

W  Angesichts dieser Einsicht möchte ich den Blick nochmals auf den Anklagepunkt einer Verunglimpfung der Götter lenken. Wenn es Sokrates nur auf einen Austausch von Meinungen angekommen wäre, hätte er auch die allgemeine Ansicht der Athener über die Götter toleriert. Ihm wurde jedoch vorgeworfen, dass er gerade „die nicht für Götter halte, welche das athenische Volk dafür halte.“

W  Damit stellte er sich gegen die gesellschaftliche Konvention und den politischen Konsens.

R  Man könnte auch sagen: er machte sich frei von der öffentlichen Meinung und von den Autoritäten des Staates. Sein kritisches Fragen machte vor nichts und niemandem halt.

Z  Diese Grundhaltung hat ihn letztlich in einem politischen Prozess das Leben gekostet …

R  … obwohl er kein politischer Philosoph war wie Platon und später Aristoteles.

W  In der Apologie sagt Platon ausdrücklich, was das zentrale Anliegen des sokratischen Dialogs war, nämlich wörtlich übersetzt: „die Sorge um die Seele, dass sie so gut werde wie möglich“.

R  Modern gesprochen ging es ihm um eine Existenzweise, durch die der Mensch sein individuelles Wesen in Freiheit verwirklicht und den Sinn seines jeweiligen Daseins erfüllt.

W  „Erkenne Dich selbst“ – der Leitspruch des Delphischen Orakels – formuliert dabei den entscheidenden Imperativ einer gelingenden Existenz. Hinsichtlich dieser Selbsterkenntnis bedeutet das sokratische Nichtwissen, dass das Selbst letztlich unfassbar ist und sich einer allwissenden und endgültigen Aufklärung entzieht.

R  Das Erkennen des Selbst kann verstanden werden als Prozess der Bildung eines guten, moralisch integren Charakters, nicht als Entdeckung der Substanz eines verborgenen Selbst.

W  Die Selbsterkenntnis, die zu einem gelingenden Leben gehört, kann man nur in dialogischer Relationalität gewinnen.

Z  Das entspricht den Erkenntnissen der modernen Sozialpsychologie: Es sind immer auch die anderen, die uns den Spiegel vorhalten und so Selbsterkenntnis erst ermöglichen.

W  Ohne die Pluralität solcher Spiegelungen erliegt man in seinem selbstgebastelten Spiegelkabinett der Täuschung über das eigene Ich.

R  Die Frage, wie menschliches Leben in jener Pluralität der Rückspiegelungen gelingt, kann nicht abschließend beantwortet werden. Der Dialog ist aber nach Sokrates die adäquate Art und Weise, darum zu ringen.

W  Die Tyrannei der einen Wahrheit, die bestimmt, wie wir zu leben haben, ist im sokratischen Dialog durch das Prinzip des Nichtwissens ausgeschlossen.

R  Der unsterbliche Sokrates hat uns mit diesem Prinzip nicht weniger geschenkt als die Freiheit des Philosophierens im Dialog.

Z  Ein Geschenk, das bald zweieinhalb Jahrtausende alt ist.