Rousseau und die geliebte Freiheit

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W  Neuntes Gespräch: Rousseau und die geliebte Freiheit.

Z  Rousseau haben Sie bereits im Prolog zitiert, und zwar im Zusammenhang mit den Freiheitsgefahren: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“.

R  Seine Diagnose gilt noch heute – auch wenn die Ketten in den Ländern unserer Welt von ganz unterschiedlicher Art sind. Prinzipiell werden solche Ketten aber erst angesichts der angeborenen Freiheit zum Skandal.

Z  Wie kommt Rousseau zu seiner Behauptung, der Mensch sei frei geboren?

R  Im Zusammenhang eines Aufsatzes, in dem er die Frage beantwortet: „Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen?“

W  Mit dieser Frage wird die Ungleichheit erst einmal zu einem Faktum erklärt. Rein logisch ergibt sich daraus, dass manche frei sind, andere jedoch in Ketten leben.

R  Durch die Frage nach der Entstehung der Ungleichheit ist für Rousseau ausgeschlossen, dass Ungleichheit etwas Natürliches oder gar Gottgewolltes ist. Der faktischen Ungleichheit geht folglich ein anderer Zustand voraus.

W  Den Rousseau besser zu kennen behauptet als die Sündenprediger mit ihrer Erzählung vom verlorenen Paradies?

R  „Kennen“ ist das falsche Wort. Erstens vermittelt die Paradieserzählung für Rousseau keine Kenntnis, sondern einen Mythos und zweitens geht es ihm um eine philosophische Rekonstruktion des Urzustands. Sein Ansatz ist nicht der Mensch, wie Gott ihn geschaffen, sondern wie die Natur ihn hervorgebracht hat.

W  Dieses Konzept entwickelt aber doch erst Darwin.

R  Rousseaus Ansatz ist nicht evolutionsbiologisch. In unserem Gespräch können wir nur das Ergebnis seiner Untersuchung darstellen. Im Naturzustand war der Mensch frei; er hat seine natürliche Freiheit jedoch im zivilisierten Zustand verloren und muss sie durch eine vertragliche Vereinbarung wieder zurückgewinnen.

W  Rousseau verzichtet also auf revolutionäre Gewalt, um den ursprünglichen Zustand der Freiheit wiederherzustellen?

R  Ja. Das Revolutionäre liegt in seinem Konzept.

Z  „Zurück zum Naturzustand der Freiheit“ wäre folglich der eigentliche Sinn der Formel: „Zurück zur Natur“?

R  Das könnte man so sagen. Allerdings stammt das Motto nicht von Rousseau, sondern ist Folge einer Schmähkritik durch seine Gegner.

W  Der Naturzustand, wie Rousseau ihn kennzeichnet, ist also nicht historisch zu verstehen, sondern als Gegenkonzept zu bisherigen Modellen.

Z  Wieso hat der Mensch den Urzustand aufgegeben?

R  Rousseau macht natürliche Ursachen dafür verantwortlich: klimatische Veränderungen, Naturkatastrophen und ähnliches. Sie zwingen die Menschen, diese Herausforderungen gemeinschaftlich zu bewältigen. Dadurch entsteht der Zustand der Zivilisation oder kürzer der Kulturzustand.

 

Z  Der Sündenfall spielt also keine Rolle.

 

R  Nein. Aber der Naturzustand ist für den Contrat Social von 1762 grundlegend. In der Einleitung schreibt Rousseau: „Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt“ und – jetzt kommt der freiheitsphilososophisch entscheidende Zusatz, dessen Zitat ich Wolfgang überlasse –

W    „durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.“ „Zuvor“ heißt: wie im Naturzustand. Wenn Rousseau Freiheit zu einem Wesensmerkmal der menschlichen Natur erklärt, unterscheidet er sich von Aristoteles. Dieser bestimmte den Menschen als vernunftbegabtes politisches Wesen und damit wesentlich als gemeinschaftsbezogen.

R  Die Vernunft und der Sinn für Gemeinschaft entwickeln sich nach Rousseau erst im Kulturzustand. Zu den ursprünglichen Naturanlagen gehören das Streben nach persönlichem „Wohlergehen“ und eigener „Erhaltung“.

W  Ich fasse zusammen: Der Mensch ist ursprünglich ein Wesen, das Freiheit hat und Freiheit will. Genau dieser Freiheitswille wird dann die Basis für Rousseaus Contrat Social.

R  Der politische Wille zur Freiheit resultiert jedoch aus einer Freiheitsliebe, die kein Philosoph so leidenschaftlich zum Thema gemacht hat wie Rousseau.

Z  Daher wohl auch der Titel: „Rousseau und die geliebte Freiheit“. Wie äußert sich diese Freiheitsliebe nun konkret in seiner philosophischen Konzeption des Gesellschaftsvertrags?

R  Rousseau will eine grundsätzliche Vereinbarung für jene einzig legitime Herrschaft zugrundelegen, die politische Freiheit garantiert. Die „wahre Grundlage“ der politischen Gemeinschaft erblickt er in einem Akt, „durch welchen ein Volk zum Volk wird“.

 

Z  Wann hat dieser Akt stattgefunden?

R  Es handelt sich um einen fingierten Akt …

W  … der dem fingierten Naturzustand entspricht. Wir bleiben also auf der Ebene der Fiktion?

R  Sagen wir besser: auf der Ebene der philosophischen Konzeption. Rousseau beschreibt ja kein Faktum, sondern formuliert eine denknotwendige Bedingung für die Entstehung der politischen Einheit von Menschen, die ihre ursprüngliche Freiheit nicht verlieren, sondern erhalten wollen. Zitat: „Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur der „volonté générale“.

 

W  In dieser Formulierung ist der provokative Ausdruck einer Unterwerfung unter die „volonté générale“ als „aliénation totale“ nicht enthalten.

 

Z  Diesen Ausdruck müssen Sie erläutern.

 

R  Üblicherweise wird die betreffende Passage wie folgt übersetzt: die „aliénation totale“ verlange „die völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes.“

 

W  Manche Interpreten verstehen die „Entäußerung“ so, dass der Einzelne in der Gemeinschaft aufgeht oder sich in ihr auflöst, etwa in der Weise: Ich bin nichts, mein Volk ist alles.

 

R  Dies ist jedoch barer Unsinn, denn Rousseau mahnt: „Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf seine Eigenschaft als Mensch verzichten“. Rousseau nimmt dem Einzelnen nichts, ohne ihm etwas zu geben. Es ist gerade umgekehrt: Der Gewinn an staatlich garantierter Freiheit ist höher als der Verzicht auf die ungesicherte Freiheit des Naturzustands.

 

W  Das heißt demnach: Im Akt der „aliénation“ überträgt der Einzelne seine natürliche Freiheit an die Gemeinschaft, um zusammen mit allen anderen Vertragspartnern die politische Freiheit zurückzuerhalten: die Freiheit eines Volkes, dessen staatliche Einheit allein darauf beruht, gemeinsam frei sein zu wollen.

 

Z  So viel Einigkeit wäre wohl faktisch unerreichbar, weil manche nicht auf ihre Privilegien verzichten wollen.

 

R  Deshalb sprechen wir von einem fingierten Vertragsschluss. Der damit entstehende Kollektivkörper des politischen Verbandes gewinnt durch den gemeinsamen Freiheitswillen der volonté générale seine ureigene Identität als republikanische oder freistaatliche Einheit.

 

W  Ich zitiere: „Dieser Akt des Zusammenschlusses schafft augenblicklich anstelle der Einzelperson jedes Vertragspartners eine sittliche Körperschaft, […] die durch ebendiesen Akt ihre Einheit, ihr gemeinschaftliches Ich, ihr Leben und ihren Willen erhält.“

R  Wie um vorzubeugen, dass man sein Verständnis von „aliénation“ nicht falsch deutet, unterstreicht er den positiven Ertrag einer „Übertragung“ (transformation) des Ich in die Allgemeinheit, durch die der Citoyen seine Grundposition verbessert: Für die ursprüngliche Unabhängigkeit erhält er seine politische Freiheit.

W  Aber vergessen wir bei aller Zustimmung nicht den Satz, der Rousseau in den Verdacht des Totalitarismus gebracht hat. Er lautet: „Damit nun aber der Gesellschaftsvertrag keine Leerformel sei, schließt er stillschweigend jene Übereinkunft ein, die allein die anderen ermächtigt, dass, wer immer sich weigert, der volonté générale zu folgen, von der gesamten Körperschaft dazu gezwungen wird, was nichts anderes heißt, als dass man ihn zwingt, frei zu sein.“

Z  Das klingt tatsächlich totalitär. Niemand darf mich zwingen, auch nicht zu meiner Freiheit.

R  Der Freiheitswille der volonté générale trägt den Akt der politischen Einheitsbildung aber nur dann, wenn er ausnahmslos von allen mitgetragen wird. Eine einzelne Ausnahme oder ein einziger Vorbehalt ließe das philosophische Kunstwerk einer von allen gewollten Freiheitsordnung in sich zusammenbrechen.

W  Die Freiheit wird in der metaphorischen Figur der volonté générale nur dann „generell“, gemeinsam oder allgemein gewollt, wenn sie als Freiheit aller von allen geliebt wird.

R  So ist es. Und weil man Liebe nicht erzwingen kann, erreicht Rousseau in der erläuterten Konstruktion des staatsgründenden Vertrags das freiheitsphilosophisch notwendige Ziel der Einstimmigkeit nur durch den fingierten Zwang zum Vertragsschluss.

Z  Wenn die volonté générale Metapher für den fingierten einstimmigen politischen Freiheitswillen ist, entfällt mein Einwand gegen diese Art von Zwang.