Rombach, Bieri und die Struktur der Freiheit

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W  Dreizehntes Gespräch: Rombach, Bieri und die Struktur der Freiheit.

Z  Der Ausdruck „Struktur der Freiheit“ sagt mir nichts.

R  Wir gebrauchen ihn im Anschluss an Heinrich Rombachs „Strukturanthropologie“, in der er einen entsprechenden Freiheitsbegriff entwickelt.

W  Rombach steht in der Tradition von Hegel und Heidegger, deren Kritiker er aber zugleich ist. Wir konzentrieren uns zunächst auf die Heideggerkritik, weil dadurch sein eigener Freiheitsbegriff deutlich profiliert werden kann.

R  Heidegger denkt Freiheit als Befreiung aus uneigentlichem Dasein. Freiheit gewinnt der Mensch nur durch vereinzelnden Rückzug auf sich selbst. Für Rombach dagegen ist Vereinzelung kein Freiheitsphänomen.

W  Aber auch Sartres Position greift Rombach an. Er schreibt: „Offenbar in der Furcht, dass die Rückgründung des Entwurfs auf einen bestimmten menschlichen Charakter dem Entwurf die Freiheit nehmen würde“, leugne Sartre „die Realität von Charakter und Temperament als sittliche und natürliche Zielveranlagung“.

Z  Realitätsverleugnung nennt man heute postfaktisch.

R  Rombach begnügt sich nicht mit dieser Kritik. Er sieht Freiheit und Gewordenheit nicht als „Gegenspieler“, vielmehr realisiert sich für ihn – Zitat – „das fundamentalste Freiheitsphänomen gerade nur in der Gewordenheit“. Denn der Mensch soll nicht nur frei handeln, sondern frei sein. Und nur wer innerlich frei geworden ist, handelt auch frei.

Z  Und wie wird man nun ein freier Mensch?

W  Jedenfalls nicht durch einen aus dem Nichts geborenen Entwurf im Sinne Sartres oder durch die willensmäßige Entschlossenheit im Sinne Heideggers. Rombach kritisiert, dass eine abrupt ergriffene Möglichkeit niemals eine „eigene“ Möglichkeit werde, wie „eigentlich“ sie auch ergriffen sei.

R  Zur „eigenen“ Möglichkeit werde ein Lebensschritt erst dann, wenn er strukturell in das Ganze des Daseins eingebunden ist. Nur Arbeit könne aus Gelegenheiten „Möglichkeiten“ machen, und zwar – wörtlich zitiert – „eine unablässige und korrektive Lebensarbeit, die alle Details strukturiert – oder das Nichtstrukturierte als solches einstrukturiert.“

Z  Jetzt verstehe ich den Ausdruck „Struktur der Freiheit“.

R  Freiheit ist keine Eigenschaft, sondern der Mensch kann sich in einem kreativen Arbeitsprozess strukturell frei machen von Verkrustungen seiner Lebenssituation. Zitat: „Freiheit ist eine Übergangs-Kategorie. Freiheit gibt es nur als Befreiung, »Emanzipation«, […] die „nur in einem Korrekturgang von Hebungen und Entwicklungsstufen hinweg konkret werden kann.“

Z  Das müssen Sie erläutern.

R  Der Mensch ist nicht zuerst da – wie Sartre meint – und dann auch noch in einer Situation, sondern Dasein ist wesentlich situativ verfasst.

W  Das, was ich bin und meine Situation ist dasselbe. Würde ich mich aus einer Situation, durch die ich konstituiert bin, à la Sartre heraussprengen, gäbe es kein Ich mehr. Reine Existenz ist eine falsche Vorstellung. Um an meiner Freiheit zu arbeiten, muss ich folglich an und in meinen Situationen arbeiten.

R  Gegen Sartre betont Rombach: „Man ist nicht frei aus dem Stand. Freiheit ist das Resultat einer Arbeit, die der Einzelne sowohl an sich selbst, wie an seiner Lebenswirklichkeit, und schließlich auch an seiner sozialen, politischen und geschichtlichen Realität zu leisten hat.“

W  Wie gegen Heidegger gerichtet schreibt er: „Darum kann ich nicht für mich allein frei sein, sondern ich muss mit meinen Nächsten eine gemeinsame Struktur (oder Situation) schaffen, in der ich und die anderen gleicherweise frei sind. Dieser mein „intimer“ oder „persönlicher“ Lebenskreis kann wieder nur dann gelingen, wenn meine politische Situation (mit meiner Hilfe) eine freiheitliche ist.“

Z  Diese freiheitliche Solidarität beeindruckt mich wirklich.

R  Bei Rombach verliert die Entscheidung, frei zu sein, nicht nur ihren heroischen Charakter. Statt Entscheidung geht es um Findung. Dazu nochmals ein Zitat: „Freiheit ist keine Frage der Idee oder der Entscheidung, sondern ein Problem der schöpferischen Findung. […] Freiheit ist nur schöpferisch, d.h. konkreativ mit der Wirklichkeit selbst und mit den Mitmenschen möglich.“

W  Der Freiheitsgewinn ist nicht wie bei Heidegger total und einmalig. Daher muss man nicht sein Leben völlig umstürzen. Aber es kommt darauf an, Situationen gelingen zu lassen.

R  Sein Motto: „Freiheit muss gelingen“. erläutert Rombach folgendermaßen: „Es ist wichtig „so in eine Situation vorzugehen, dass diese in ihre eigene Dynamik freigesetzt und zum Prozess einer Selbsthebung geführt wird, in dem viel größere Wirkungen entstehen, als sie ein Mensch je durch Handeln und Machen hervorbringen könnte. […] alles bekommt mehr Bestimmtheit, mehr Struktur, mehr Tiefenschärfe.“

Z  Und das heißt: mehr Freiheit.

W  Gehen wir nun zu Peter Bieri über. Wir lassen ihn deshalb zu Wort kommen, weil er als Freiheitsfreund gegen die Behauptung mancher Neurowissenschaftler antritt, der freie Wille wäre eine Illusion. Zwar fühlten wir uns frei, aber in Wirklichkeit erlägen wir einer Illusion, die wir bräuchten, um so etwas wie Verantwortung zu rechtfertigen.

R  Zu diesen Neurowissenschaftlern gehören Gerhard Roth und Wolf Singer, Co-Autoren eines „Manifests der Hirnforschung“, das 2004 für Aufsehen sorgte. Mit der Entschlüsselung des neuronalen Geschehens wüsste man, was der Mensch ist.

W  Roth und Singer vertreten dort die kühne Behauptung, mit Methoden bildgebender Verfahren das Bewusstsein erklären zu können.

 

R  Im Jahr 2015, also elf Jahre nach dem Manifest, veröffentlicht Gerhard Roth den Aufsatz „Alternativistische Willensfreiheit ist empirisch widerlegbar“.

 

W  Bereits mit dem Titel habe ich ein Problem. Da Willensfreiheit nichts Empirisches ist, kann sie auch nicht empirisch widerlegt werden.

 

Z  Es wäre aber doch interessant zu wissen, wie Roth seine Behauptung begründet.

W  Roth bezieht sich auf die Experimente von Benjamin Libet im Jahr 1983. Dieser meinte im Gehirn ein Bereitschaftspotential nachweisen zu können, das mehrere hundert Millisekunden vor dem von den Versuchspersonen angegebenen Zeitpunkt messbar war.

R  Daraus zog er den Schluss, dass das Gehirn schon entscheidet, bevor der bewusste Entschluss erfolgt. Durch Experimente neueren Datums, d.h. durch Einsatz der Kernspintomografie, sieht Roth Libets Beobachtung bestätigt.

W  Er schreibt, als Hirnforscher nehme er „bis zum Beweis des Gegenteils an, dass alles in meinem Gehirn deterministisch abläuft“ und dass es für die Willensfreiheit „keinerlei empirische Beweise gibt.“

Z  Und was sagt ihr Opponent Peter Bieri zu dieser These? Auf welche Fehler macht er aufmerksam?

W  Bieri bringt anders geartete Aspekte ins Spiel als die Kritiker Roths, die sich auf Messfehler berufen oder anführen, dass die Experimente mit zu einfachen Aufgaben arbeiteten.

R  Zunächst unterscheidet er zwei Arten von Dualismus: „Der Kontrast zum Determinismus ist der Indeterminismus. Und der Kontrast zu Freiheit ist nicht Determinismus, sondern Zwang.“

W  Roths Konzept der deterministisch organisierten Hirnstrukturen stünde also der Freiheit nicht entgegen.

R  Zweitens unterstreicht Bieri, dass diese Neurowissenschaftler die Freiheit des Willens als Fähigkeit bestimmen, eine völlig neue, geschichtslose Kausalkette in Gang zu setzen.

W  In seinem Hauptwerk „Handwerk der Freiheit“ zeigt er, dass die Idee einer absoluten Freiheit ein Mythos bzw. ein Irrglaube ist. Stattdessen sei von bedingter Freiheit bzw. Freiheit in begrenzten Spielräumen zu reden.

R  Ähnlich wie Rombach sagt er: „Was wäre eine Freiheit wert, die nicht in eine Lebensgeschichte eingebettet ist?“ Absolute Freiheit und Indeterminismus sind Wechselbegriffe. Mit beiden Begriffen wird das Freiheitsphänomen nicht getroffen.

Z  Mir kommt das Wort von der Tyrannei in den Sinn. Handelt es sich hier nicht um eine Tyrannei des Gehirns?

R  Dies würde Bieri sicherlich bestätigen. Er spricht aber nicht von Tyrannei, sondern von einer sprachlichen Falle. Sie liegt im Ausdruck: das Gehirn entscheidet.

W  Ich zitiere die betreffende Stelle: „Auf der Ebene des Gehirns ist gar nichts entschieden, dort kann sich gar nichts entscheiden. Dort gibt es physikalische Aktivitätsmuster und chemische Prozesse, sonst nichts. Es ist ein Fehler, in die neurobiologische Rede über das Gehirn einen Begriff wie entscheiden aus der Sprache des Geistes einzuschmuggeln. Denn wenn man es tut, macht man das Gehirn, ohne es zu wollen, zu einem Homunkulus, also einer kleinen Person in der großen Person.“

R  Der Begriff Entscheidung setzt so etwas wie Freiheit voraus, die Roth jedoch bestreitet. Dazu sagt Bieri: „Der Begriff der Freiheit gehört zu einem Repertoire, mit dem wir uns als Personen beschreiben, also zu Begriffen wie Absicht, Handlung, Grund.“

Z  Zum Repertoire meiner Person gehört der Satz: Ich bin mehr als mein Gehirn!

R  Ein guter und schöner Satz. Weil er für uns alle drei gilt, haben wir unser Dreiecksgespräch als Dialog zwischen Personen – und nicht zwischen Gehirnen – erlebt.

W  Als dritten Kritikpunkt führt Bieri den Kategorienfehler der betreffenden Neurobiologen an. Wirklichkeit kann man wissenschaftlich hinsichtlich verschiedener Perspektiven beschreiben. Das Stichwort lautet: Perspektivenpluralismus. Diesen Pluralismus bestreiten die Freiheitskritiker.

R  Mit einem Beispiel gelingt es Bieri sehr gut, dies zu veranschaulichen. „Betrachten Sie ein Gemälde an der Wand. Sie können es als einen physikalischen Gegenstand […] beschreiben, von seiner Masse und seinem Gewicht sprechen, […] von der chemischen Zusammensetzung der Farben.[…] Dieser Betrachtungsweise können Sie die rein ästhetische Perspektive hinzufügen. Als Auktionator […] interessieren Sie vor allem die Echtheit, der Handelswert und die Herkunft des Bildes.“

W  Bieri argumentiert: „Niemand käme auf die Idee zu sagen, es hingen mehrere Gegenstände an der Wand: ein physikalischer, ein ästhetischer, ein merkantiler. […] Keine der verschiedenen Beschreibungen ist näher an der Wirklichkeit oder besitzt einen höheren Grad an Tatsächlichkeit als die anderen. […] und es wäre ein Unsinn, wenn jemand versuchte, zwischen ihnen eine Konkurrenz herzustellen und das eine gegen das andere auszuspielen.“

R  Bieri versteht dieses Beispiel als Analogie zur Freiheitsfrage. „Man sucht in der materiellen Zusammensetzung eines Gemäldes vergeblich nach Darstellung oder Schönheit, und im selben Sinne sucht man in der neurobiologischen Mechanik des Gehirns vergeblich nach Freiheit oder Unfreiheit. Es gibt dort weder Freiheit noch Unfreiheit. Das Gehirn ist der falsche logische Ort für diese Idee.“