Prolog: Gefahren der Freiheit

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Z:  Freiheitsdialog

W:  Philosophische Gespräche über wahre und falsche Freunde der Freiheit

R:  von Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner

Z:  Sprecher sind:

R:  Thomas Nunner

W:  Pius Maria Cüppers

Z:  und Adeline Schebesch

W:  Wir beginnen mit dem Prolog.

Z:  Sie haben sich also vorgenommen,  philosophische Gespräche über die Freiheit zu führen.

R:  Es sollen aber keine Zwiegespräche zwischen Philosophen werden. Dank Ihrer Beteiligung könnten  sich  Dreiergespräche entwickeln.

Z: Und welche Art und Weise der Beteiligung erwarten Sie?

W:  Wir sehen Sie in der Rolle einer kritischen Begleiterin und wünschen uns vor allem Nachfragen, wenn Ihnen das Gespräch unverständlich erscheint.

R:  Obwohl wir um Verständlichkeit bemüht sind, könnte es doch vorkommen, dass wir allzu fachphilosophisch reden und denken.

Z:  Man muss also nicht Philosophie studiert haben, um mitreden und mitdenken zu können?

W:  Nicht, wenn Sie Ihre Rolle ernst nehmen und allgemeinverständliche Erklärungen verlangen.

R:  Wir verstehen Sie als Vertreterin kritischer Zuhörer, die gern mitdiskutieren möchten, aber nicht in unser Gespräch eingreifen können.

Z:  Aha: Mir gestehen Sie solche Eingriffe zu. Dann möchte ich zunächst wissen, warum Sie einen Dialog über Freiheit oder wie Sie in Kurzform sagen, einen Freiheitsdialog, zu führen gedenken.

R:  Weil wir seit Jahren eine paradoxe Entwicklung beobachten, die wir für bedenklich halten und dies gern offen ansprechen würden.

Z:  Nämlich?

W:  „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“. Diese Diagnose des großen Freiheitsphilosophen Rousseau kann man auch für die heutige Zeit gelten lassen, wenn man …

Z:  ….da möchte ich gleich dazwischen gehen. In vielen Staaten der Welt mag Rousseaus Feststellung gelten. Aber doch nicht bei uns.

W:  Die heutigen Ketten sind von anderer Art als zu Zeiten der Französischen Revolution. Darauf kommen wir gleich und Rousseaus anspruchsvolle Freiheitsphilosophie werden wir in einem eigenen Gespräch behandeln.

R:  Solange die Last der eisernen Ketten sozusagen am eigenen Leibe zu spüren ist, drängen die Menschen danach, sie abzuwerfen und sich von ihnen zu befreien. Wer sich aber nicht mehr gefesselt fühlt, verliert leicht das Gespür für den Wert der Freiheit.

W:  Nachdem wir uns an die Freiheit gewöhnt haben, nehmen wir sie für selbstverständlich. Das führt zu der erwähnten paradoxen Entwicklung: Je freier die Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung sich fühlen, desto weniger nehmen sie Bedrohungen ihrer persönlichen und politischen Freiheit wahr.

Z:  Von welchen Bedrohungen sprechen Sie?

R:  Im Prolog beschränken wir uns auf Stichwörter. Sie werden dann nachfolgend in den Themenbereichen „Falsche Freunde“ und „Echte Feinde der Freiheit“ vertieft.

W:  Die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten im Internet – unser erstes Stichwort – werden von vielen als enorme Erweiterung ihrer Freiheit empfunden. Das führt leicht dazu, die Gefahren dieser neuen Freiheit zu übersehen oder zu unterschätzen.

R:  Mit jedem Klick am PC hinterlassen wir Spuren für die digitale Ewigkeit. Und seit Edward Snowdens Enthüllungen weiß die Welt, wie auf unsere Daten zugegriffen wird, und zwar nicht nur durch staatliche Geheimdienste, sondern auch durch die privaten Dienste der mächtigen Internetkonzerne.

W:  Der anfängliche Sturm der Entrüstung ist längst abgeflaut. Ein wirklicher Kampf zur Verteidigung unseres Grundrechts auf Vertraulichkeit und Sicherheit informationstechnischer Systeme wurde und wird nicht geführt.

R:  Im Gegenteil: Die Masse der Internet-Nutzer scheint nach der Devise zu verfahren „Ich habe doch nichts zu verbergen“. Diese Verharmlosung einer echten Freiheitsgefahr wirkt für staatliche und private Schnüffler wie die Einladung zur Etablierung eines Systems totaler Überwachung.

W:  Der „Große Bruder“ aus George Orwells Roman „1984“ ist digitalisiert und damit perfektioniert worden. Das bereitet mir auch deshalb Sorgen, weil viele ohne jede Scheu und Scham Statusmeldungen, Fotos oder ähnliches auf den von ihnen bevorzugten Kommunikationsplattformen „posten“.

R:  In den sozialen Netzwerken wird man leicht Opfer solcher Unbekümmertheit.

Z:  Nicht zu vergessen die Gefahr, fake news aller Art auf den Leim zu gehen. Wenn ausländische Mächte Wahlen manipulieren können und ein Präsidentschaftskandidat in Amerika mit gefälschten Nachrichten die Wahl gewinnt, ist dies ein Angriff auf die freiheitliche Demokratie.

W:  Eine weitere Gefahr sehen wir in der zunehmenden Ökonomisierung unserer Gesellschaft, die mit einer fortschreitenden Kommerzialisierung verbunden ist.

R:  Wir meinen damit die verinnerlichte Ideologie, letztlich sei alles käuflich. Teil dieser Ideologie ist die Vorstellung, auch Freiheit sei eine Frage des Geldes. Die Werbebranche setzt ganz auf diesen Trend und suggeriert „Ich bin frei, wenn und weil ich konsumieren kann“. Konsumerlebnisse werden so als Freiheitserlebnisse verkauft.

W:  Die Gefahr für die Freiheit liegt hier in der Verwechslung von Sein und Haben.

R:  Wer den Kategorienunterschied zwischen frei „sein“ und frei „haben“ übersieht, verwechselt Freiheit mit Freizeit.

Z:  Verwechslung von Freiheit mit Freizeit – sehr pointiert!

W:  Unser drittes Stichwort lautet: Individualisierung bzw. Privatisierung des Freiheitsverständnisses. Wer glaubt, Freiheit betreffe nur ihn als privates Individuum, verdrängt fahrlässig die Freiheit auf dem Feld des Politischen und überlässt den öffentlichen Raum politischer Debatten anderen.

R:  Eine öffentliche Auseinandersetzung über die besseren Argumente ist in der Echokammer der Blogger-Gemeinde gar nicht gewollt.

Z:  Darf ich erfahren, was Sie mit Echokammer meinen?

R:  In den sozialen Netzwerken entstehen Gruppen von Gleichgesinnten, die ihre eigene Position durch „likes“ mit dem Daumen nach oben verstärken. Die Nutzer solcher Blogs bekommen nur ihr eigenes Echo zu hören. Sie haben sich gleichsam in ihrer Echokammer eingeschlossen.

W:  Als letztes Stichwort nenne ich die zum Problem der Politik gewordene Alternative zwischen Freiheit und Sicherheit. Angesichts der terroristischen Anschläge votieren Viele für die Regel „Im Zweifel für die Sicherheit.“

R:  Mein Votum lautet dagegen: Im Zweifel für die Freiheit.

W:  Aber damit ignorierst du das elementarste Bedürfnis des Menschen: Leben und Überleben stehen doch an erster Stelle der Bedürfnispyramide.

R:  Willst du etwa Freiheit zu einem sekundären Bedürfnis degradieren?

W:  Wie wir in unserem Gespräch über Rousseau hören werden, ist Freiheit die philosophische Bestimmung der Natur des Menschen. Dennoch kann es zur Abwehr lebensbedrohlicher Gefahren sinnvoll sein, auf bestimmte Freiheitsrechte zu verzichten.

R:  …die dann immer weiter eingeschränkt werden, wenn die Gefährdung zunimmt. Die Sicherheitsfanatiker werden entsprechende Gefahren wittern und nach dem starken Staat rufen. Absolute Sicherheit wird es nicht geben. Aber der Sicherheitswahn kann im extremen Fall totalitäre Ausmaße annehmen und in einem Überwachungsstaat enden.

W:  Wenn ich an die Enthüllungen Snowdens denke, befinden wir uns doch schon im Vorstadium einer totalen Überwachung.

Z:  Verfallen Sie nicht in eine Rolle der Philosophen als typische Bedenkenträger, Pessimisten oder Schwarzseher?

W:  Wir haben nur problematische Aspekte angesprochen, die von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen diagnostiziert werden. Sie sind Grund genug, die Gefahren für unsere Freiheit ernst zu nehmen.

Z:  Aber die Feststellung einer Freiheitsgefahr setzt doch schon einen bestimmten Freiheitsbegriff voraus. Wie definieren Sie ihn?

R:  Wir beginnen unseren Dialog nicht mit der Definition eines philosophischen Begriffs, sondern mit Geschichten, die exemplarisch zeigen, auf welchen Freiheitsaspekt es uns jeweils ankommt.

W:  Die erste Geschichte ist eine Anekdote von Heinrich Böll: Sie demonstriert, was ein „Nutzenmaximierer“ ist. Mit einem modernen Weihnachtsmärchen leiten wir in die Thematik der „Moralapostel“ ein und als Einstieg in die „Sündenprediger“ interpretieren wir die erste Strophe eines Kirchenliedes.

R:  Texte dieser Art gehen von Erfahrungen aus und geben Gelegenheit zu einer Diskussion über Bedrohungen unserer Freiheit durch Nutzenmaximierer, Moralapostel, Sündenprediger und andere Gefährder diesseits des Terrorismus.

Z:  Eine Frage hat mich von Anfang an beschäftigt: Warum soll die Philosophie der Freiheit, die Sie entwickeln wollen, in der Weise eines Dialogs vermittelt werden? Könnten Sie sich nicht zusammentun und am Ende ein gemeinsames Werk über Freiheit herausbringen?

R:  Wir könnten. Dann ginge aber die Lebendigkeit der argumentativen Auseinandersetzung ebenso verloren wie die dialogische Struktur einer Wechselrede, die unterschiedliche Positionsbestimmungen erlaubt.

W:  Unser Grundanliegen ist es, Philosophie im Gespräch wieder lebendig werden zu lassen. Damit greifen wir die Tradition des alten Sokrates auf, der bekanntlich niemals schriftlich, sondern immer nur mündlich philosophiert hat. Z  Ich bin gespannt auf Ihre Dialoge und wünsche Ihnen aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer.