Pico della Mirandola und die Freiheit des Lebensentwurfs

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W  Siebentes Gespräch: Pico della Mirandola und die Freiheit des Lebensentwurfs.

Z  Der Autor, dem Sie sich heute widmen, war mir bisher unbekannt.

R  Das dürfte nicht nur Ihnen so gehen. Außerhalb eines kleinen Spezialistenkreises zählt er zu den vergessenen Größen der Geistesgeschichte. Als er im Jahre 1486 seine berühmt gewordene lateinische „Oratio de hominis dignitate“, „Rede über die Würde des Menschen“, verfasste, war er erst 23 Jahre alt.

W  Er durfte sie jedoch nicht vortragen, weil der Papst dies verboten hatte.

Z  Welchen Grund gibt es dafür? War sie  zu kirchenkritisch oder sogar ketzerisch?

R  Pico erkühnt sich, neben der biblischen Schöpfungsgeschichte eine eigene Version zu entwerfen, mit der er die Schöpfertätigkeit Gottes in neuem Licht interpretiert.

W  Während die Genesis davon spricht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, wodurch sie in ihrem Wesen bestimmt sind, verfährt Gott in Picos Rede anders. Darf ich Sie bitten, einen Auszug vorzulesen?

Z  Sehr gern. Gott spricht zu Adam: „Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluss habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb vorgeschriebener Gesetze begrenzt. Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt formst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“

R  Im Anschluss daran rühmt Pico Gottvaters „unübertrefflichen Großmut“ und preist das Glück des Menschen.

Z  Ich vermisse die entscheidenden Begriffe Würde und Freiheit.

W  Der Begriff Freiheit wird zwar nicht genannt, aber durch Selbstbestimmung umschrieben: Adam dürfe sich seine Natur – so heißt es ausdrücklich – „selber bestimmen“.

R  Gottvater schenkt dem Menschen die Möglichkeit, als „schöpferischer Bildhauer“ („plastes et fictor“) sich selbst zu gestalten. Als Selbstgestaltungsfähigkeit ist das Wesen des Menschen ganz in Entsprechung zu Gott als künstlerischem Schöpfer konzipiert.

W  Pico denkt den biblischen Begriff der Ebenbildlichkeit radikal von der Wurzel schöpferisch-künstlerischer Gestaltungsfähigkeit her. Wenn es in der Genesis heißt: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, dann sind  Gott und Mensch im Schöpfertum gleich. Deshalb ist Gottes Geschöpf bei Pico frei, sich selbst zu bestimmen.

R  Für die Fähigkeit des Menschen als „plastes et fictor“ habe ich den Begriff „Entwurfsvermögen“ vorgeschlagen. Darunter ist das spezifisch menschliche Potential zu verstehen, sein Leben planen und eigener Planung oder eben eigenem Entwurf gemäß gestalten zu können.

W  In diesem Entwurfsvermögen ist der Mensch generell unbegrenzt. Ich verweise auf die betreffende Stelle: „welch hohes und bewundernswertes Glück des Menschen! Dem gegeben ist zu haben, was er wünscht, zu sein, was er will.“ Lateinisch: „id esse quod velit“.

R  Was der Mensch will, kann er werden. Im Entwurfsvermögen liegt ein unermesslicher Reichtum an Entfaltungsmöglichkeiten. Dies wird an der bereits erwähnten Stelle deutlich: „Du sollst dir deine Natur ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen […] selber bestimmen.

W  Mit dieser Freiheit ist jedoch ein Risiko verbunden, denn es heißt auch: „Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden.“

R  „Wiedergeburt“, französisch „Renaissance“. So betrachtet hat Pico nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich den Grundtext der Renaissance verfasst.

W  Man kann es durchaus so sehen. Zwar greift Pico zurück auf einen „Geburtstext“ von der Erschaffung des Menschen, aber er konzipiert keine Wiedergeburt der Antike, wie man die Epoche der Renaissance üblicherweise versteht.

R  Um den Unterschied zu markieren, könnte man sagen: In der Antike galt der Imperativ: „Werde, der du bist!“. Pico setzt den neuen Imperativ: „Werde, der du sein willst!“

Z  Entschuldigung! Dies kommt mir vor wie eine Paradieserzählung. „Werde, der du sein willst!“ Diese Chance der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten ist doch nur ein amerikanischer Traum, der für Abermillionen zum Albtraum geworden ist. Erzählen Sie einem syrischen Kind im zerbombten Aleppo oder einer schwangeren Frau in Uganda, sie könnten werden, was sie wollen, wenn sie es nur wollen.

W  Sie brauchen sich in keiner Weise zu entschuldigen. Ihre Einwände sind mehr als berechtigt und ihre Beispiele mehr als bedrückend. Zunächst ist jedoch zu berücksichtigen, dass Pico eine literarische Utopie entwirft, so wie schließlich auch die Rede von der Ebenbildlichkeit utopischen Charakter hat.

R  Außerdem ist mit Adam  kein Individuum gemeint, sondern er vertritt die Gattung Mensch. Und nur in dieser Gattungszugehörigkeit setzt Pico Menschsein mit Freisein gleich. Begrifflich sollte das gattungsmäßige Entwurfsvermögen daher von der individuellen Entwurfskompetenz sauber unterschieden werden.

Z  Das werden Sie erklären müssen!

W  Vor deiner Erklärung will ich noch kurz eine für die heutige Zeit typische Einstellung ansprechen: Wer sagt „So bin ich halt. Und daran kann ich nichts ändern“, leugnet seine Freiheit und schiebt die Verantwortung auf so etwas wie sein So-Geschaffen-Sein, für das er angeblich nichts kann. Die meisten Lebenssituationen sind jedoch reich an Perspektiven. Sie müssen aber erschlossen werden. Das Entwurfsvermögen ist die Quelle zu neuen Entwürfen …

R  … vermittelt über eine Entwurfskompetenz, die individuell erworben werden muss. Wie dieser Erwerb geschieht und unter welchen Umständen er besser oder weniger gut gelingt, wäre ein Thema für sich. Im generellen Entwurfsvermögen sind alle Menschen gleich, in der individuellen Entwurfskompetenz jedoch sehr verschieden.

W  Die Verantwortung für unser Leben liegt bei uns, auch wenn es die Neigung gibt, anderen oder den Umständen die Schuld zu geben.

R  In der Oratio heißt es, der Mensch könne entsprechend seinem Wunsch und seiner Entscheidung der sein, der er sein wolle. Formal gesehen umschließt der Freiheitsbegriff Picos außer der Entwurfsfähigkeit also auch die Willensfreiheit.

W  Er schließt sogar die Wahlfreiheit ein. Wir finden diesen Ansatz in der Formulierung, Gott habe dem Menschen „liberam optionem“ gegeben, also wörtlich die „freie Wahl“.

R  Das bedeutet, Picos Freiheitsbegriff umfasst drei Momente: Entwurfsvermögen, Willensfreiheit und Wahlfreiheit.

Z  Damit ist der Freiheitsbegriff  für mich geklärt. Von Würde haben Sie jedoch noch nicht gesprochen.

R  Der Titel: „Oratio de hominis dignitate“, stammt nicht von Pico selbst, sondern vom ersten Herausgeber der Rede. Pico hatte sie nur schlicht mit „Oratio“ bezeichnet. Der Herausgeber hat aber das Wesentliche der Rede erkannt. Es macht die besondere Würde des Menschen  aus, dass er sich selbst bestimmen kann. Aufgrund dieser Fähigkeit zur Selbstbestimmung oder Selbstgestaltung seines Lebensentwurfs ist er frei.

Z  Wenn ich an Ihren Dialog über die Sündenprediger zurückdenke,  erscheint mir Pico als Utopist. Denn die Sündenprediger zeichnen ein ganz anderes Bild vom Menschen. Wie ist dieser Unterschied erklärbar?

W  Es gibt nicht nur eine, sondern zwei Schöpfungserzählungen. Der erste, zeitlich später entstandene Text spricht von der Ebenbildlichkeit des Menschen. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.“ Die zweite  Erzählung lässt Adam sündigen. Zwischen beiden Schöpfungsgeschichten liegen mehrere Jahrhunderte. Der Utopist Pico bezieht sich auf die großartige Idee von der Ebenbildlichkeit. Die Sündenprediger hingegen schließen sich der Erzählung vom Sündenfall an.

R  Im Grunde hatte Pico keine ketzerische  Rede halten wollen. Es war sein schöpferischer Geist,  der sich philosophisch von der Ebenbildlichkeit inspirieren ließ.

W  Sofern man beide Bibelstellen als schöpferische Erzählungen begreift, denen später besondere Bedeutung zugesprochen wurde, kann Picos Version als eine ebenbürtige Schöpfungsgeschichte verstanden werden.

R  Pico hat einen Horizont eröffnet, in dessen Umkreis wir uns noch immer bewegen. Jakob Burckhardt nannte die Rede deshalb mit gutem Grund eines der „edelsten Vermächtnisse“ der Renaissance.

W  Das Freiheitskonzept des Existenzialisten Jean-Paul Sartre findet bei Pico reichlich Nahrung. Wir werden in unserem Gespräch über die Freiheit der Existenz darauf eingehen.

R  Aber auch für Juristen ist Pico bedeutsam. Die großen Grundgesetz-Kommentare verweisen bei der Betrachtung des ideengeschichtlichen Hintergrunds des ersten Verfassungssatzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – auf die „Oratio de hominis dignitate“.

Z  Dann hat das junge Genie ja Unglaubliches geleistet, selbst wenn die Rede nicht gehalten werden durfte.