Nutzenmaximierer oder Verzweckung der Freiheit

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Z:  Erstes Gespräch: Nutzenmaximierer oder Verzweckung der Freiheit.

W:  Was unter dem Titel unseres ersten Gesprächs zu verstehen ist, wollen wir anhand eines literarischen Textes veranschaulichen, nämlich Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“.

R:  Dort fotografiert ein Tourist einen nach erfolgreichem Fang zufrieden in seinem Boot dösenden Fischer. Durch das Klicken des Fotoapparates geweckt, soll er in einem aufgedrängten Gespräch vom Nutzen mehrfacher Ausfahrten überzeugt werden.

Z:  Als Schriftsteller hat Böll mir schon immer gefallen. Ich lese seinen Text gern vor:

Stellen Sie sich vor, so der Tourist, Sie würden „nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?“

Der Fischer schüttelt den Kopf.

„Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden…“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren eigenen Kuttern per Funk Anweisungen geben.[…] – „Und dann“, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung  die Sprache.

Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. „Was dann?“ fragt er leise.

„Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.“

„Aber das tu‘ ich ja jetzt schon“, sagt der Fischer, „ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.“

R:  Der Fischer hat sich seine Freiheit als Unabhängigkeit vom Zwang zur Nutzenmaximierung bewahrt

Z:  Das Wort „Nutzen“ und der Begriff „Nutzenmaximierer“ kommen in Bölls Anekdote nicht vor. Ist es überhaupt legitim, einen literarischen Text philosophisch zu interpretieren oder – um es provozierend zu formulieren – darf man Dichtern Philosophie andichten?

R:  Ihre Frage ist durchaus berechtigt. Wir dichten aber nichts an, sondern legen aus.

W:  Dichter und Schriftsteller von Rang haben die Fähigkeit, philosophische Einsichten in poetischer Sprache zu vermitteln.

R:  Die Meisterdenker der Freiheitsphilosophie, die wir im Hauptteil unseres Dialogs  behandeln werden, haben diese Ansprüche in ganz unterschiedlicher Weise umgesetzt. Platons Höhlengleichnis beispielsweise ist große Philosophie und großartige Dichtung gleichermaßen.

W:  Idealtypisch betrachtet besteht die wesentliche Differenz zwischen Poesie und Philosophie im unterschiedlichen Gebrauch der Sprache. Grundsätzlich sehen wir kein Problem, unseren philosophischen Dialog wenn möglich mit einem literarischen Text zu beginnen, den wir wegen seiner philosophischen Tiefendimension ausgesucht haben.

Z:  Dann bin ich jetzt gespannt, wie Sie Bölls Anekdote interpretieren, aus deren Tiefe die Philosophie der Nutzenmaximierung hervorgeholt werden soll.

W:  Der Fischer (F) und der Tourist (T) verkörpern zwei höchst unterschiedliche Weltsichten und Lebensanschauungen.

R:  T gehört  offensichtlich in die Kategorie derjenigen, die nicht arbeiten, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten. Heute nennt man sie „workaholics“. F dagegen steht für die einfache Ökonomie der Bedarfsdeckung und die alte Tugend der Bescheidenheit.

W:  T hält sich und seine Weltanschauung für überlegen. In quasi-missionarischem Eifer entwickelt er eine verlockende Botschaft. Er entwirft eine Spirale des Wachstums und der maximierenden Steigerung von Erträgen: Boot mit Motor, ein Kutter, zwei Kutter – immer mehr, immer größer.

R:  Begeistert redet T sich außer Atem, bis F ihn unterbricht. Der Wendepunkt des Gesprächs ist ein ganz verschiedenes Verständnis des Wörtchens „dann“.

W:  Im visionären „und dann“ des T liegt etwas Grenzenloses, Infinites, das ewige Steigerungsraten verspricht. F dagegen wandelt das „und dann“ in ein „was dann“ um, hinter dem ein Fragezeichen steht. Er fragt nicht nach dem Nutzen, sondern nach dem Sinn immer weiteren Wachstums.

R:  Bis zum Atem holenden „und dann“ steht T unter dem Zwang seiner zur Ideologie gewordenen Weltsicht der Nutzenmaximierung.

W:  In der globalisierten Welt herrscht weltweite Konkurrenz. Wer im globalen Wettbewerb gewinnen will, ist geradezu gezwungen, sich nicht mit dem Optimum zufrieden zu geben. Seine Nutzenmaximierung verlangt nach Profitmaximierung, die schließlich zum Selbstzweck wird.

Z:  Darf ich hier um eine Präzisierung bitten: Worin besteht denn der Unterschied zwischen Optimierung und Maximierung? Auf den ersten Blick ist dies für mich dasselbe.

W:  Unter einem Optimum versteht man das beste Ergebnis einer Abwägung zwischen verschiedenen Parametern, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das Maximum im Sinne der Erreichung des größten Nutzens  nimmt dieses Ziel hingegen als Selbstzweck. Gewinnmaximierung, zur Profitmaximierung gesteigert, betrachtet den Profit als einen solchen Selbstzweck.

R:  Andere Aspekte – hinsichtlich einer Abwägung – spielen bei Profitmaximierung keine Rolle. Sie zielt nicht qualitativ auf das beste Ergebnis, sondern quantitativ auf die größte Zahl.

W:  Angesichts einer endlichen Welt mit endlichen Ressourcen geraten wir jedoch in ein Dilemma und müssen wie der Fischer fragen: und dann? Wenn Profitmaximierung zum Selbstzweck geworden ist, dürfen die Maximierer nicht mehr nach dem „und dann?“ fragen, sondern müssen es ausblenden.

Z:  Wie mir scheint, sind wir angesichts der herrschenden Ideologie der Nutzenmaximierer geradezu konditioniert, das „und dann?“ zu ignorieren.

R:  So ist es. Die Nutzenmaximierer des Profits sind falsche Freunde der Freiheit: Sie meinen, sich die Freiheit nehmen zu können, natürliche Grenzen zu missachten. Der Maximierungstraum des Touristen aus der Anekdote ist bereits Realität: Statt der Kutter befahren heute riesengroße Hochseeschiffe die Meere. Sie gleichen teilweise schwimmenden Fabriken, auf denen der Fisch gleich filetiert und tiefgefroren wird.

W:  In Folge dieser Maximierung haben chinesische Hochseeschiffe zusammen mit europäischen nun auch die Küste vor Somalia leergefischt und die brotlos gewordenen somalischen Fischer kapern seither Tanker, um Lösegeld zu erpressen.

R:  Die Maximierung machte aus Fischern Piraten. Das hat sich der Böllsche Tourist nicht träumen lassen.

Z:  Jetzt werden Sie aber sentimental.

W:  Immer, wenn man auf die Opfer der Maximierungsideologie hinweist, begegnet man diesem Vorwurf.

R:  Das genannte Beispiel ist leider keine erfundene Räubergeschichte. Seine Realität beweist, dass unbegrenzte Maximierung auf begrenzte Ressourcen stößt. Noch kann man in andere Gewässer ausweichen.

W:  Aber die Weltmeere sind endliche Wassermassen. Deshalb hätte sich die internationale Politik längst auf Optimierung besinnen müssen. Immerhin ist „Nachhaltigkeit“ ein neues Modewort geworden. Ich möchte aber noch einmal auf die Anekdote von Böll zurückkommen. Die darin enthaltene Lehre würde ich folgendermaßen zusammenfassen: Der Zweck der Maximierung steigert sich zur Verzweckung des Menschen, der dadurch seine Freiheit verliert.

R:  Befinden wir uns nicht in einer neuen Dilemmasituation ? Nicht erst seit Beginn der Globalisierung funktioniert unsere gesamte Wirtschaft nach dem ökonomischen Prinzip, mit gegebenen Mitteln maximalen Ertrag oder einen erstrebten Ertrag mit minimalem Mitteleinsatz zu erwirtschaften.

W:  Sicherlich. Und nicht nur unser Wirtschaftssystem, sondern auch unser Privatleben gerät zunehmend unter die Zwänge solcher Zweck-Mittel-Verhältnisse. Im Zeitalter der Digitalisierung gerät auch das Private, das ich als individuellen Freiheitsraum verstehe, in den Sog der Maximalisierung.

Z:  „Maximalisierung“ ist wohl Ihr Terminus für das Prinzip der Maximierung außerhalb der Ökonomie?

W:  Genau.

R:  Die global gewordene Einstellung der Nutzenmaximierung hat sich von rein ökonomischen Phänomenen abgekoppelt. Man kann heute von einer Maximierung – Pardon: Maximalisierung – der Zeit sprechen.

W:  Als Beispiel führe ich die Verknappung der Zeithorizonte in modernen Arbeitsprozessen an. Was früher vier oder fünf Menschen erledigten, muss heute ein einziger leisten – wobei psychische Erkrankungen ständig zunehmen. Für mich sind dies Auswirkungen der maximalisierenden Nutzung von Zeit.

R:  Die Maximalisierung der Zeit hat eine Beschleunigungsdynamik freigesetzt, die durch digitale Technologie unterstützt und verstärkt wird. Der Blick auf das Smartphone wird zu einem Habitus mit Suchtcharakter.

W:  Die smarte Welt definiert einen Lebensstil, der sich als alternativlos ausgibt. Alternativlosigkeit und Sucht sind Anzeichen für Unfreiheit.

R:  Die Erfolge in unserer Leistungsgesellschaft hängen auch davon ab, nach vorgegebenen Zwecken zu handeln und dafür die richtigen Mittel einzusetzen. Aber gerade diese nutzenmaximierende Zweck-Mittel-Rationalität kann Ursache für den Verlust der Freiheit sein, wenn diese Art der Rationalität zur weltbeherrschenden Ideologie wird.

Z:  Was aber dann?