Kant und die gedachte Freiheit

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W  Zehntes Gespräch: Kant und die gedachte Freiheit.

Z  Nach der „geliebten Freiheit“ Rousseaus soll es also nun um die „gedachte Freiheit“ Kants gehen. Ich nehme an, „gedacht“ bedeutet nicht schlicht und einfach „ausgedacht“.

R  Kant denkt Freiheit im Anschluss an Rousseau nicht weniger anspruchsvoll als dieser. Er entwickelt seine Freiheitskonzeption in zwei verschiedenen Werken. In der „Kritik der reinen Vernunft“, dem Hauptwerk seiner theoretischen Philosophie, versucht er, Freiheit erkenntnistheoretisch zu erfassen.

W  Dagegen konzipiert er Freiheit in der „Kritik der praktischen Vernunft“ als notwendige Voraussetzung für moralisches Handeln.

Z  Konzipiert ist ein anderes Wort für gedacht?

R  Bitte keine voreiligen Verdächtigungen. Kant ist beeindruckt von Erkenntnissen der Naturforscher, namentlich eines Isaak Newton. Während dieser die Gesetze der Natur offenlegt, will Kant auf dem Gebiet des Denkens Entsprechendes leisten. Die Grundregel der Naturerkenntnis ist Kausalität; sie beschreibt das Verhältnis von Ursache und Wirkung.

W  Selbstverständlich unterliegt der Mensch in seiner Natur den Naturgesetzen – und somit der Kausalität. Für Kant stellt sich aber die Frage, ob der Mensch ausnahmslos durch Kausalität bestimmt ist. Sollte dies der Fall sein, gäbe es keine Freiheit.

R  Wenn das Kausalitätsgesetz uneingeschränkte Geltung beanspruchen könnte, müssten alle Erscheinungen in der Welt dadurch erklärbar sein. Dies bestreitet Kant, denn dann müssten alle Handlungen und selbst alle Denkprozesse des Menschen durch Naturgesetze erklärt werden können – was er für evident unzutreffend hält.

W  Freiheit bedeutet in diesem Sinne Unabhängigkeit von Naturgesetzen. Kants These, die ich wörtlich zitiere, lautet: „Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzunehmen notwendig.“

Z  Die Formulierung „Kausalität durch Freiheit“ erscheint mir widersprüchlich. Soweit ich bisher folgen konnte, stellt Kant die Freiheit der Kausalität doch genau entgegen.

R  So ist es. In der Tat ist sein theoretischer Freiheitsbegriff in Entgegensetzung zur Kausalität konzipiert und nur durch deren Negation definiert, womit noch kein positiver Freiheitsbegriff gewonnen ist.

W  Diesen positiven Begriff der Freiheit gewinnt er in der „Kritik der praktischen Vernunft“.

Z  Freiheit in einen negativen und positiven Begriff zu unterscheiden, leuchtet mir nicht ohne weiteres ein.

R  Kausalität und Freiheit sind gleichermaßen Schöpfungen des menschlichen Denkvermögens. Das bedeutet aber keineswegs, dass Freiheit nur ein theoretisches Konstrukt ohne jede praktische Wirkung ist und insoweit lediglich ein leeres Gedankending darstellt.

Z  Aber doch bloß ein Gedankending?

W  Dass Freiheit kein bloßes Gedankending ist, versucht Kant in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ darzulegen, denn auf der praktischen Ebene, im Bereich des moralischen Handelns, könne Freiheit „durch Erfahrung bewiesen werden“. In dieser Hinsicht ist die „gedachte Freiheit“ nicht als „bloß gedachte“ Freiheit zu verstehen.

R  Kant begreift den Menschen als Sinneswesen und als Verstandes- beziehungsweise Vernunftwesen. Die angeborenen Triebe zwingen dem Menschen einen naturgesetzlich gesteuerten quasi unfreien Willen auf, wenn er sich nicht vernunftgemäß dagegenstellt.

W  Der Mensch erfährt sich jedoch nicht völlig triebgesteuert. Durch Verstand und Vernunft kann er seine natürlichen Neigungen kontrollieren und sich von ihnen frei machen. Dieses Vermögen nennt Kant „freie Willkür“.

R  Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen: Obwohl der menschliche Überlebenswille zu den mächtigsten naturgegebenen Willenskräften  zählen dürfte, können Menschen sich freiwillig zu Tode hungern. Auch die Überwindung von Süchten jeglicher Art, die den Sinnen-Menschen beherrschen, dürfte ein überzeugender Beweis für den freien Willen sein.

W  Die freie Willkür ist jedoch nicht regellos und willkürlich im Sinne beliebigen Tuns oder Unterlassens, sondern die Vernunft als Instanz der Freiheit verfügt über eigene Gesetze, die Kant den Gesetzen der Natur gegenüberstellt. Der Sinn der Freiheit erfüllt sich für Kant im moralischen oder sittlichen Handeln.

Z  Warum Freiheit ausgerechnet in Moralität oder Sittlichkeit enden soll, erscheint mir konstruiert und nicht plausibel.

W  Um ihn gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe Freiheit in gewollter Manier auf Moralität hinausgedacht, muss man berücksichtigen, dass Kant zugleich in umgekehrter Richtung denkt. Er geht von der Erfahrung aus, dass der Mensch danach fragt, was er tun soll. Im Sollen spürt er einen Anspruch, der von der Vernunft an ihn ergeht.

R  Sollen ist etwas anderes als bloßes Wollen. Im bloßen Wollen drücken sich lediglich die natürlichen Neigungen aus. Wenn der Mensch jedoch soll, kommt dieser Anspruch nicht von der Natur, sondern von der Vernunft.

Z  Soweit bin ich einverstanden, aber warum Kant die Vernunft mit einer Gesetzhaftigkeit ausstattet, um dem Naturgesetz ein vergleichbares Gesetz gegenüberstellen zu können, kann ich weiterhin nicht nachvollziehen.

R  Nähern wir uns diesem Gesetzes-Zusammenhang Schritt für Schritt. Das Gesetz, das die praktische Vernunft in sich entdeckt, ist ein Sittengesetz, das nicht etwa von Religion oder Gesellschaft gefordert wird, sondern das die Vernunft sich selbst gibt. Praktische Vernunft, Sittengesetz und Freiheit stehen für Kant in einem philosophischen Verweisungszusammenhang zueinander.

W  Sittliches oder moralisches Handeln setzt Freiheit voraus. Und diese praktische Freiheit ist für Kant durch Erfahrung, also positiv zu bestätigen. Das Sittengesetz  ist ihm als Moralgesetz derart evident, dass er sogar von einem „Faktum der Vernunft“ spricht.

R  Darauf brauchen wir aber nicht näher einzugehen. Wenn die Vernunft sich das Sittengesetz selbst gibt, gewinnt der Mensch, der ihm entspricht, Autonomie, obwohl er sich diesem Gesetz in Freiheit unterwirft.

Z  Das verstehe ich nicht: Freiheit einerseits und Unterwerfung andererseits – ist dies nicht erneut widersprüchlich?

R  Was wie ein Widerspruch erscheint, ist im System Kants schlüssig. Indem die Vernunft sich ein Gesetz gibt, dem sie folgt, handelt sie selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt, autonom und nicht heteronom.

Z  Dies klingt nach einer Utopie der Vernunft. Wer hört denn heute noch auf die Vernunft? Die globalisierte Unvernunft ist doch überall auf der Welt vorherrschend.

R  Zugegeben, das Bewusstsein eines sittlichen Gebotes: Du sollst! war für den moralisch hochgebildeten Philosophen eine Selbstverständlichkeit. Kant dachte groß vom Menschen. Daran sollten wir Maß nehmen.

Z  Schon wieder sollen. Damit locken Sie niemanden ins Land der Freiheit.

W  Das sehen Sie zu schwarz. Lassen Sie mich deshalb noch kurz auf den berühmt gewordenen Aufsatz Kants mit dem Titel: Was ist Aufklärung? zu sprechen kommen. Er verweist nämlich hier auf eine politische Dimension des Verstandes als Instanz der Freiheit.

R  Man darf gespannt sein.

W  Gleich im ersten Satz liefert Kant eine Definition: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. …  Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eignen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

R  Warum hast Du fast den gesamten Anfang zitiert?

W  Weil man strenggenommen auf kein Wort verzichten kann und weil Kant von der Freiheit spricht, ohne den Begriff zu verwenden. Zunächst: Unmündigkeit ist ein anderes Wort für Unfreiheit. Der Mensch, der seinen eigenen Verstand nicht gebraucht, existiert in Unfreiheit. Die Einheit von Freiheit und Verstand wird hier unmittelbar deutlich. Der Verstand ist das theoretische Vermögen der Freiheit, aber zu ihrer praktischen Realisierung ist zusätzlich eine Entschließung nötig, die sogar Mut erfordert.

R  Wahrscheinlich hast Du selbst bemerkt, dass Kant hier nicht von Vernunft, sondern von Verstand spricht.

W  Richtig, aber der Unterschied ist für unsere Diskussion nicht bedeutsam. Was Kant betont, ist, dass Verstand und Vernunft im Schlafmodus nicht ausreichen, um frei zu sein. Sie müssen geweckt werden. Reale Freiheit setzt eine Entschließung und den Mut zum Handeln voraus.

Z  Warum sollte es mutig sein, den Verstand beziehungsweise die Vernunft zu gebrauchen?

R  Kant gibt dafür einen Hinweis, wenn er schreibt: „Dass der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit […] für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Sie zeigen ihnen die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.“

W  Obwohl Kant im Zeitalter der Monarchie schrieb, ist sein Text auch heute noch aktuell. Denken wir nur an jene Staaten, in denen freie Meinungsäußerung gefährlich werden kann.

R  Es geht Kant jedoch nicht nur um den eigenen Verstandes- und Vernunft-Gebrauch, um freies Denken, sondern um die öffentliche Wahrnehmung dieser Freiheit. Sie darf sich nicht ins Private zurückziehen, sondern sie zeigt, indem sie öffentlich wirksam wird, ihre politische Dimension.

Z  Dann ist die gedachte Freiheit Kants wirklich nicht „bloß ausgedacht“.