Heilslehrer oder Vernichtung der Freiheit

Jetzt mithören

W  Viertes Gespräch: Heilslehrer oder Vernichtung der Freiheit. 

Z  Ihr Gespräch über „Sündenprediger“ haben Sie mit einem Kirchenlied begonnen. Was bieten Sie an, um auf „Heilslehrer“ einzustimmen?

R  „Heil Hitler“ wäre ein Anfang nach Art einer Schocktherapie.

W  Lassen wir den Schock erst einmal wirken und stellen wir unsere Auseinandersetzung mit der als Buch getarnten nationalsozialistischen Heilsschrift „Mein Kampf“ zunächst zurück.

R  Auch die im stalinistischen GULAG Ermordeten sind Opfer einer Heilslehre geworden: des Marxismus-Leninismus.  Das Standardwerk zu beiden Herrschaftsideologien  ist Hannah Arendts Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“.

W  Die zentrale Aussage lautet: „Totale Herrschaft“ schließt die ihr Unterworfenen und von ihr Unterdrückten „mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors […], daß der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet“.

R  Das erklärt die Überschrift des heutigen Gesprächs: „Heilslehrer oder Vernichtung der Freiheit“.

Z  Unter Heilslehrer hatte ich etwas anderes erwartet.

R  Das Heil, das in den Lehren des Marxismus-Leninismus und des Nationalsozialismus in Aussicht gestellt wurde, war kein geistliches, sondern ein weltliches Heil. Dort wurde ein Leben in einer klassenlosen Gesellschaft von Kommunisten entworfen, hier die rassereine Herrschaft der Arier in einem tausendjährigen Reich der Deutschen.

W  Das „tausendjährige“ Reich Hitlers war eine Heilsidee von vergleichbarer Verblendung und ähnlicher Hybris wie das Heilsversprechen einer weltweiten Beendigung des Klassenkampfes aufgrund der „proletarischen Revolution“ marxistisch-leninistischer Provenienz.

Z  Wollen Sie etwa Revolutionen überhaupt kritisieren?

W  In ihrem Buch „Über die Revolution“ hat Hannah Arendt eindringlich und überzeugend dargelegt, wie erhellend es ist, den Revolutionsbegriff als solchen freiheitsphilosophisch zu begründen: durch die Unterscheidung zwischen legitimer, d.h. freiheitlicher und illegitimer, freiheitswidriger Herrschaft.

R  Lenin und Hitler, Mao, Castro oder Guevara führten ihre revolutionären Kämpfe nicht im Namen der Freiheit, sondern im Namen ihrer bolschewistischen, nationalsozialistischen oder kommunistischen Ideologie. Wer es mit politischer oder republikanischer Freiheit ernst meint, kann keinen Revolutionsplan für das ewige Heil der Welt entwerfen.

Z  Sie haben soeben Lenin genannt und vorher von Marxismus-Leninismus gesprochen, aber Marx und auch Engels nicht erwähnt. Sind die beiden nicht die wichtigsten Heilslehrer des Marxismus?

R  Lassen Sie uns zuerst zentrale Sätze ihrer philosophischen Grundposition betrachten und danach entscheiden, ob sie als Heilslehrer zu bezeichnen sind.

W  Ein Satz, auf den sich Marxisten gerne beziehen, lautet: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“

R  Ähnlich bekannt geworden ist die sogenannte „Feuerbach-These“: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Z  Wenn es Marx nicht auf die Weltinterpretation ankam, sondern auf die Weltveränderung, wird dann der Philosoph nicht notwendig zum Politiker?

W  Grundsätzlich würde ich Ihnen zustimmen. Weil Marx und Engels davon ausgehen, dass das Bewußtsein nie etwas anderes sein kann als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ihr wirklicher Lebensprozess ist, muss man eben diesen Lebensprozess verändern, wenn man das massenhafte Elend der Kinderarbeit und der Fabrikarbeiter ändern will.

Z  Verändern oder revolutionieren?

R  Da der Konflikt zwischen den bürgerlich Besitzenden und den besitzlosen Proletariern unausweichlich ist, kann er nur.in der proletarischen Revolution gelöst werden mit dem Ziel der Errichtung einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft. Dieses Ziel sieht Marx geschichtsphilosophisch begründet als Fortsetzung der französischen Revolution.

W  Im Kommunistischen Manifest schreibt er zur proletarischen Revolution: „Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“ Das Abwerfen von Ketten darf ja wohl als Akt der Befreiung, der Emanzipation verstanden werden. Insofern zähle ich Karl Marx zu den Freiheitsphilosophen.

R  Damit stehen wir vor dem Problem, ob die proletarische ebenso wie die französische Revolution nach Hannah Arendts Definition als  Freiheitsrevolution charakterisiert werden kann. Wenn ja, ist Marx als Philosoph ein Freiheitsfreund, wenn nein, als Heilslehrer ein Freiheitsfeind.

W  Der junge Marx schrieb: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Diese Sätze zeigen, dass Marxens philosophischer Ansatz ein emanzipatorischer, ein freiheitlicher ist.

R  Und deshalb soll die proletarische Revolution eine Freiheitsrevolution sein?

Z  Hat Marx nicht sogar die Diktatur des Proletariats proklamiert?

R  Genau, und da Diktatur despotischen Charakter hat, schließt sie Freiheit aus.

W  Es kommt aber darauf an, was er mit dem Begriff Diktatur meint. Die Diktatur des Proletariats ist nur ein Moment in der revolutionären Bewegung. Wer soll denn in einer klassenlosen Gesellschaft durch Diktatur beherrscht werden, wenn die Verhältnisse von Herrschaft und Unterdrückung ein Ende gefunden haben?

R  Wenn in der klassenlosen Gesellschaft alle gleich sein müssen, haben wir es mit einer Gleichschaltung zu tun, die das Gegenteil von Freiheitlichkeit ist.

W  Ich antworte mit Marx: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine freie Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“  Er selbst spricht in diesem Zusammenhang vom „Reich der Freiheit“.

Z   Das Reich einer klassenlosen Gesellschaft ist für mich reine Utopie.

R  Nicht nur für Sie. Seine Utopie entlarvt den Revolutionär als realitätsfremden Phantasten. Daher neige ich fast dazu, Marx nicht nur einen Heilslehrer, sondern sogar einen Heilsprediger zu nennen. Denn er operiert mit paradiesischen Visionen.

W  Wenn Marxens „Reich der Freiheit“ realisiert worden wäre – hätte man dann nicht doch von einer Freiheitsrevolution sprechen können?

R   Nein. Man kann doch nicht einfach darüber hinwegsehen, was aus der erhofften freien Gesellschaft unter Lenin geworden ist.

W  Dann könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass Marx ausschließlich Theoretiker der kommunistischen Revolution blieb, während Lenin unter Anwendung der Devise „wir müssen die Welt verändern“ zum politischen Agitator und aktiven Revolutionär wurde.

R  Einverstanden: als Theoretiker entwickelte er anfangs politische Programme zur Eroberung der durch eine klassenbewusste kämpferische Elite von Berufsrevolutionären und zur Errichtung der bereits diskutierten „Diktatur des Proletariats“.

W  Aus der Revolution von unten wird am Ende eine Revolution von oben. Die Bildung einer revolutionären Elite wird Instrument der Revolution, die unter Lenins Führung unmittelbar auf die Zerstörung jeder staatlichen Ordnung zielte.

Z  Aus einer proletarischen Revolution wurde eine kommunistische Diktatur.

R  Schon zu Lebzeiten Lenins wurden Konzentrations- und Straflager errichtet, politisch Andersdenkende rücksichtslos verfolgt, verhaftet, gefoltert, getötet.

W  Unter Stalin wurde der Terror totalitär.

Z  Ich habe gelesen, dass in den Jahren des „Großen Terrors“ von 1936–1939 etwa 4,4 Millionen Menschen Opfer seines Terrors wurden.

R  Aber auch Mao Zedong, dessen als „Mao-Bibel“ verkaufte Heilslehre während der Studentenbewegung von 1968 als Zitatenschatz zirkulierte, kann auf terroristische Erfolge verweisen. Die „Säuberungen“ innerhalb der „Kulturrevolution“ sollen Millionen Menschen das Leben gekostet haben.

Z  Der Schreck hat nicht nachgelassen. Zu Beginn Ihres heutigen Gesprächs haben Sie mich mit dem „Hitlergruß“ erschreckt.

W  Moment: Wir haben nicht etwa den rechten Arm zum „Deutschen Gruß“ erhoben – und damit einen Straftatbestand erfüllt –, sondern „Heil Hitler“ als philosophische Schocktherapie eingesetzt.

R  Als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war die in der Tat messianische Heilsbotschaft von „Mein Kampf“ bereits in 24 Auflagen mit 348.000 Exemplaren auf dem Markt. Am Jahresende waren es mehr als eine Million.

W  Im „Schlußwort“ von „Mein Kampf“, kündigt der Verfasser an, daß ein Staat, der „im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet“, „eines Tages zum Herrn der Erde werden“ müsse.

R  Die Massen huldigten ihrem Führer in Ritualen wie in einer Religion. Dieser Götzendienst unter dem Hakenkreuz als einem pseudoreligiösen Symbol ist ein sichtbares Zeichen für den Charakter der nationalsozialistischen Revolution als freiheitsfeindliche ideologische Heilslehre.

W  Obwohl die Propaganda der Nationalsozialisten sich in extremen  Widerspruch zum sowjetischen Bolschewismus setzte, sind Hitler und Stalin dennoch Schreckensbrüder im Ungeist der Vernichtung ihrer Gegner. Hitlers Ziel war es, die Juden in Europa zu vernichten, aber auch – wörtlich – den „Marxismus mit Stumpf und Stiel auszurotten“. Lenin schreibt: "Gemeinsames, einheitliches Ziel ist die Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer."

Z  Schon die Sprache verrät die Bereitschaft zur Brutalität totalen Terrors im Namen der jeweiligen Ideologie.