Heidegger, Sartre und die Freiheit der Existenz

Jetzt mithören

W  Zwölftes Gespräch: Heidegger, Sartre und die Freiheit der Existenz.

Z  Die modernen Freiheitsdenker Heidegger und Sartre präsentieren Sie im „Doppelpack“. Wie darf ich das verstehen?

R  Beide denken Freiheit von der Existenz des Menschen her, entwickeln ihren Freiheitsbegriff aber in unterschiedlichen existenzphilosophischen Konzeptionen. In unserem „Doppelpack“ geht es um dieses Unterschiede.

W  Nach Heidegger wird der Mensch in die Welt geworfen und hat zu existieren. Die Weise, wie er existiert, muss er aber selbst als Möglichkeit erschließen.

R  Das Problem ist, dass der Mensch sein eigenes Sein-können zumeist nicht realisiert. Indem er in die Welt geworfen ist, versteht er sich auch schon aus dieser, so wie er sie vorfindet, wie sie von anderen interpretiert und faktisch gelebt wird.

 

W  Statt von sich aus eigene Möglichkeiten zu entwerfen, lässt er sich von vorhandenen Entwürfen, die er eben vorfindet, bestimmen. Er orientiert sich an der Art und Weise, wie man allgemein so lebt.

 

R  Das heißt, er existiert nicht wirklich selbstbestimmt. Da Selbstbestimmung jedoch eine Charakterisierung der Freiheit ist, existiert der an das Man verfallene Mensch unfrei, heteronom statt autonom.

 

Z  Aber das müsste doch jeder selbst merken.

 

W  Eigentlich schon. Aber das fehlende Bewusstsein für diese Art der Unfreiheit hat seinen Grund in dem Umstand, dass der Mensch im Modus der Uneigentlichkeit glaubt, wörtlich „das volle und echte »Leben« […] zu führen“, und dieser Glaube „bringt eine Beruhigung in das Dasein, für die alles »in bester Ordnung ist«, denn der Einzelne erfährt von anderen, dem Man, stets Bestätigung.“

 

R  Was dem Menschen als Realität und Wirklichkeit begegnet, ist die Lebenswelt des Man, der Spielraum vorgegebener Möglichkeiten, von denen wir meinen, es seien unsere eigenen.

 

W  Zumeist lebt Jedermann wie betäubt in einer falschen Wirklichkeit.

 

Z  Und nun kommt Herr Heidegger und proklamiert: Du musst dein Leben ändern!

 

W  Die Frage ist nur, ob und wie er das kann, wenn doch alle im falschen Spiel mitspielen. Und wenn der Mensch nicht weiß und spürt, dass er unfrei ist, dann besteht für ihn auch kein Anlass, frei werden zu wollen.

 

R  Einspruch: Das Gefühl, dass etwas fehlt, um wahrhaft glücklich zu sein und ein erfülltes Leben zu führen, beschleicht doch so manchen. Für Heidegger sind solche Stimmungen wichtig, denn in ihnen spricht sich „Unbewusstes“ aus. Die Möglichkeit des eigentlichen Existierens könnte man für derart Unbewusstes halten.

 

W  Weil der Mensch aber im hektischen Rhythmus der heutigen digitalen Welt permanent „präsent“ sein muss und will, bleibt er dennoch im Man verfangen. Die Möglichkeit des eigenen Seinkönnens muss ihm gezeigt, „geoffenbart“ werden durch eine Erfahrung, der „man“ nicht ausweichen kann.

 

R  Diese Erfahrung ist der Tod. Er holt uns gewissermaßen von der Bühne des falschen Lebens und löst uns aus allen Bezügen, in die wir verstrickt sind. Diese Vereinzelung bringt den Menschen vor sich selbst und sein eigenes Seinkönnen.

 

Z  Wie soll aus dem Tod das eigene Seinkönnen entspringen? Der Tod zerstört doch die Existenz. Dann vermag ich nichts mehr und alles Können ist vergeblich.

 

W  So scheint es. Heidegger will uns keineswegs zum „Freitod“ überreden. Aber angesichts des Todes, „im Vorlaufen in“ die Situation des Todes bekommt das Dasein eine andere Perspektive auf sein Leben.  In der ernsthaft vollzogenen gedanklichen Vorwegnahme des eigenen Todes wird dem Menschen die Existenzialität, die Einmaligkeit seines Lebens bewusst.

 

R  Auf diese Weise gewinnt der Mensch eine Entschlossenheit für sich und die immer schon bestehenden existenzialen Möglichkeiten. Durch das Vorlaufen in den Tod erfahren die gegebenen Situationen, in denen der Mensch lebt, Vertiefung und Intensivierung. Sein Leben verliert die Oberflächlichkeit und Zufälligkeit und gewinnt an Tiefe und Transparenz.

 

Z  Könnte man nicht sagen, das Leben des Menschen bekommt einen Reichtum, der ihm vorher verborgen war?

 

R  Ich kann uneingeschränkt zustimmen und bringe Ihren Gedanken auf die Formel: Existenziale Freiheit stiftet den Sinn des Daseins.

 

W  So weit so gut, aber wir wollen Heideggers existenzialen Freiheitsansatz auch kritisch prüfen. Anfangs sagt er, der Mensch existiere »zunächst und zumeist« im Seinsmodus des „Man“. Dann aber macht er alle ausnahmslos zu „Gefangenen“ des Man. Dadurch entwickelt er sein Freiheitskonzept in Opposition zum Man.

 

R  Eigentlichkeit versus Uneigentlichkeit: diesen Dualismus überwindet er nicht. Und in gewisser Weise wiederholt er den dualistischen Ansatz Kants, der Freiheit als Gegenbegriff zur Kausalität bestimmt.

 

W  Ich möchte einen weiteren problematischen Aspekt anführen. Auch wenn Heidegger sich gegen den Solipsismus-Vorwurf wehrt, bleibt der Mensch, durch den Tod und die Angst „gestählt“, letztlich immer „solus ipse“: allein auf sich selbst zurückgeworfen. Die Einzigartigkeit der Eigentlichkeit ist im Grunde eine einsame heroische Existenz.

 

Z  Abgesehen davon bezweifle ich überhaupt, dass man in den Tod vorlaufen kann. Vielleicht ist es möglich, eine wirkliche Todeserfahrung zu machen, die das Leben dann in der Weise verwandeln kann, wie Heidegger es beschreibt.

 

W  Wir könnten noch weitere Kritikpunkte anführen. Aber nun zu Sartre. Der Franzose war überzeugt, auf der Linie Heideggers weiterzudenken. Heidegger hingegen fühlte sich von Sartre falsch verstanden. Dessen Existenzialismus war nicht Heideggers Sache.

 

R  Als Ausgangspunkt nehmen wir Sartres Aufsatz „Ist der Existenzialismus ein Humanismus?“ aus dem Jahr 1945, weil hier sein existenzialistischer Freiheitsbegriff in komprimierter Form vorliegt.

 

W  Sartre selbst versteht sich als atheistischer Existenzialist, weil für sein Verständnis Gott eine Bedrohung der menschlichen Freiheit darstellt. Gott als Schöpfer vergleicht er mit einem höherstehenden Handwerker, der den Menschen in ähnlicher Weise schafft wie der Handwerker sein Produkt. Vor dem Schaffensakt steht jeweils ein Konzept, das bestimmt, was das Erzeugnis sein soll, seine Essenz.

 

Z  So eine kindlich-naive Gottesvorstellung hätte ich bei Sartre nicht vermutet.

 

R  Nehmen wir an, er gebraucht sie funktional, um gegen sie ansetzen zu können. Sobald man Gott als Schöpfer denkt, bedeutet dies nach Sartre, dass das Wesen des Menschen bereits definiert ist. Denn für alle geschaffenen Dinge, ob Gegenstand oder Mensch, geht die Essenz (das Was-sein) der Existenz (dem Dass-sein) voraus. Selbstbestimmung und Freiheit sind dann ausgeschlossen.

 

W  Sartre beklagt, dass die Atheisten zwar Gott abgeschafft hätten, dass sie aber weiter an der Vorstellung „Essenz vor Existenz“ für den Menschen festhielten.

 

W  Dagegen erklärt er: „Der atheistische Existenzialismus, den ich vertrete, ist kohärenter: Wenn Gott nicht existiert, so gibt es zumindest ein Wesen, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht. […]. Es bedeutet, dass der Mensch erst existiert, auf sich trifft, in die Welt eintritt, und sich erst dann definiert.“

 

R  Und nun springen wir gleich zu Sartres „Prinzip des Existenzialismus.“

„Der Mensch, ist nicht definierbar, weil er zunächst nichts ist. […] der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“

 

W  Obwohl Sartre sich auf Heidegger bezieht, ignoriert er dessen wichtigstes Argument, die Geworfenheit in das Man. Bei Sartre wird der Mensch gleichfalls in die Welt geworfen, aber als ein Nichts. Darin liegt der größtmögliche Unterschied zu Heidegger.

 

R  Aber Sartre spricht im Unterschied zu Heidegger von Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für andere. Ich zitiere: „wenn wir sagen, der Mensch ist für sich selbst verantwortlich, wollen wir nicht sagen, er sei verantwortlich für seine strikte Individualität, sondern für alle Menschen.“

 

Z  Diese Wendung: „Verantwortung für alle Menschen“ erschließt sich mir nicht.

 

W  Für Sartre gibt es keine Entschuldigung für mein Sosein durch den Hinweis, dass ich in Charakter und Temperament halt so bin. Da mein Sosein Produkt meines Entwurfes ist, habe ich es einschließlich meines Charakters und meines Temperaments so gewählt. Da Sartre die Geworfenheit ausblendet, setzt er Freiheit radikal an und folglich ist auch die Eigenverantwortung für das jeweilige Leben radikal.

 

Z  Sartre leugnet also vollkommen, dass der Mensch zumindest genetisch festgelegt ist?

 

W  Von Genetik wusste Sartre noch nichts. Aber weil er die Freiheit des Menschen radikal denken will, blendet er alle essentiellen Bestimmtheiten aus.

 

R  Kommen wir  zu weiteren Schlussfolgerungen seines radikalen Freiheitskonzepts. Neben der Eigenverantwortung fordert Sartre  die Verantwortung für alle Menschen. Dies erklärt er wie folgt: „Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen, denn wir können niemals das Schlechte wählen; was wir wählen, ist immer das Gute, und nichts kann gut für uns sein, ohne es für alle zu sein […] So ist unsere Verantwortung viel größer, als wir vermuten können, denn sie betrifft die gesamte Menschheit.“

 

W  Ich interpretiere dies so: Mit der eigenen Wahl schaffen wir ein Existenzmodell, das für andere beispielgebend sein kann. Denn „wählen“ heißt bei Sartre, aus vorgegebenen Existenzmodellen eine Wahl treffen, für die ich dann individuell verantwortlich bin.

R  Bei Sartre fehlt der entscheidende Aspekt der Eigentlichkeit. Deshalb ist sein Akt der Wahl – bei Heidegger im Entschluss – auch nicht einmalig. Sartre sagt: „Das bedeutet keineswegs, dass dieser Entwurf den Menschen ein für allemal definiert, sondern dass er reproduzierbar ist.“ Mit der Wahl definiert sich der Mensch, aber nicht total und nicht endgültig.

W  Dies hat ihm den Vorwurf der Beliebigkeit eingebracht, den er wie folgt abweist: „Sie können beliebig wählen – trifft nicht zu. Sie können zwar wählen, aber was nicht möglich ist, ist nicht zu wählen. Ich kann immer wählen, doch muss ich wissen: wenn ich nicht wähle, wähle ich immer noch.“

R  Nicht zu wählen und sich von anderen bestimmen zu lassen, ist eben auch eine Wahl. Weil der Mensch als absolut freies Wesen sich wählen muss und sein Sosein nicht entschuldigen kann, schreibt Sartre den provozierenden Satz: „der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut.“

Z  Sartre hat offensichtlich Freude an überzogenen Formulierungen wie: Verurteilt, frei zu sein.

R  Das scheinbar Utopische der radikalen Freiheit erhält  durch die radikale Verantwortung ein existenzphilosophisches Gegengewicht.

W  Weil wir durch unsere Wahl wertsetzend sind – das Gute wollen –, bringt Sartre ähnlich wie Kant die Freiheit als Voraussetzung für Moral in Anschlag. Er schreibt: „Wenn ich erkläre, dass die Freiheit unter jedem konkreten Umstand kein anderes Ziel haben kann, als sich selbst zu wollen, und wenn der Mensch anerkannt hat, das er, in der Verlassenheit, Werte setzt, kann er nur noch eins wollen: die Freiheit als Grundlage aller Werte.“

Z  „Freiheit als Grundlage aller Werte“ gefällt mir. Dafür bekommt Sartre meine Zustimmung.