Hegel und die gelebte Freiheit

Jetzt mithören

R  Elftes Gespräch: Hegel und die gelebte Freiheit.

W  Hegel erkennt im elementaren Freiheitsbedürfnis des Menschen eine Willenskraft, die sich weltgeschichtlich durchsetzt. In diesem Sinne begreift er die Weltgeschichte als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“.

Z  Handelt es sich nur um Vorgänge im Bewusstsein oder auch um wirkliche Freiheit?

R  Wenn wir bei Hegel von „gelebter“ Freiheit sprechen, meinen wir eine Freiheit, in der sich das politische Leben in Staat und Gesellschaft verwirklicht.

W  Ich will ganz grundsätzlich beginnen: Hegel  hat nach Nietzsches Urteil verstanden, was Evolution ist: ein Prozess der Selbstgenerierung. Alles, was ist, ging und geht aus einem Prozess der Ausdifferenzierung und Komplexion hervor.

R  Aber Hegel verwendet den Begriff der Evolution nicht. Ich würde sagen: Er führt anstelle des herrschenden statischen Modells ein Prozessmodell ein. Alles, was ist, ist geworden …

W  … aber nicht als Entwicklung, sondern als Genese.

Z  Bitte erklären Sie den Unterschied.

W  „Entwicklung“ lässt sich am Beispiel von Same und Frucht erläutern. Die Frucht ist im Samen enthalten, sie entwickelt sich aus seinem Potential. Bei „Genese“ hingegen versagt das Samen-Modell. Der Same muss sich sozusagen selbst erzeugen, damit er zum Anfang einer Evolution werden kann.

R  Darwin entwickelte eine Theorie der biologischen Evolution, Hegel ein dynamisches Modell des Geistes. Allerdings präsentiert er sein Prinzip evolutionärer Selbstgenerierung des Freiheitsbewusstseins bisweilen in schwer verständlicher Weise.   

W  Der Satz, der die meisten Fehldeutungen provoziert hat, lautet: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Was Hegel hier, „wirklich“ nennt, stimmt weder mit dem alltäglichen noch mit dem gängigen Verständnis des Wirklichkeitsbegriffs überein.

Z  Offensichtlich muss man Hegels Sprache lernen, um ihn verstehen zu können.

W  Wir werden Hegels dialektisches Wechselspiel von Wirklichkeit und Vernunft am Beispiel seines Staatsbegriffs erläutern. Zur Wirklichkeit in seinem Sinne gehört das Dasein des Staates, der als Produkt des menschlichen Geistes logischerweise eine Gestalt der Vernunft ist. Daher unternimmt Hegel, wörtlich zitiert, den „Versuch, den Staat als ein in sich Vernünftiges zu begreifen und darzustellen.“

R  In Hegels Evolutionsphilosophie sind konsequenterweise verschiedene Entwicklungsstufen von Staatlichkeit zu unterscheiden. Erst am Ende der philosophisch zu begreifenden Entwicklung hat der Staat die Gestalt einer freiheitlichen politischen Ordnung oder kurz eines Freistaates, in dessen Institutionen die Freiheit konkrete Wirklichkeit geworden ist.

W  Das heißt im Sinne Hegels: gelebt von Bürgern, die begriffen haben, dass ihr gemeinsamer Freiheitswille das Lebenselexier eines freien Staates ist. Rousseau begründet diesen politischen Freiheitswillen als Herzensrepublikaner, Hegel als Vernunftrepublikaner.

Z  Aber schauen Sie sich doch die heutige Wirklichkeit an: Der türkische Staat ist gegenwärtig im Prozess der Freiheitszerstörung und der Aufkündigung des Rechts. Staat und Freiheit stehen hier im krassen Widerspruch zueinander.

R  Sie haben völlig recht. Aber sind diese Entwicklungen vernünftig? Nicht alles, was sich Staat nennt, entspricht dem Vernunftkriterium Hegels. Sein Begriff des Staates verlangt die Verwirklichung der Idee der Freiheit. Wo dies verhindert wird, haben wir es philosophisch betrachtet nicht mit einem vernünftigen Staat zu tun.

W  Dass nicht alles, was wir als Wirklichkeit erleben, vernünftig ist, weiß Hegel natürlich auch. Dazu schreibt er: „Es gibt in der Weltgeschichte mehrere große Perioden, die vorübergegangen sind, ohne dass die Entwicklung [der Freiheit] sich fortgesetzt zu haben scheint, in welcher vielmehr der ganze ungeheure Gewinn der Bildung vernichtet worden und nach welchen unglücklicherweise wieder von vorne angefangen werden musste“.

Z  Mir scheint, wir schlittern in eine solche Periode und gefährden den erreichten Gewinn.

R  Deshalb müssen wir den „freien Willen“ stärken, der bei Hegel ein wirklicher Wille zur Freiheit ist. Er erfasst ihn als eine sich selbst verwirklichende Tätigkeit, die allen möglichen Rückschlägen trotzt.

W  Dass der  Freiheitswille nichts Statisches ist, macht Hegel in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie deutlich. In einer philosophischen Zusammenschau dieser Geschichte erfasst er, wie die Idee der Freiheit sich bei  großen Denkern fortschreitend artikuliert.

R  Er betont, dass sich in ihrem Denken Strukturen eines Geistes abzeichnen, die als Momente eines dynamischen Ganzen zu verstehen sind. So gewinnt Hegel das Konzept der Selbstexplikation eines Freiheitsbewusstseins, das sich quasi des einzelnen Denkers bedient, um wirklich zu werden.

W  Diesen Prozess der Selbstbewegung des Geistes begreift Hegel wörtlich als „eine Fortschreitung, die nicht das Denken eines Individuums durchläuft und sich in einem einzelnen Bewusstsein darstellt“, sondern als den „in dem Reichtume seiner Gestaltung in der Weltgeschichte sich darstellenden allgemeinen Geist.“

Z  Das ist philosophisch kalorienreiche Kost. „Hegel light“ haben Sie aber sicher nicht im Angebot.

R  Sie sagen es. Hegels allgemeiner Geist darf deshalb auch nicht auf das reduziert werden, was sich im Kopfe großer Philosophen abspielt. Als überindividueller Geist transzendiert er deren Denken. Hegel nennt ihn den Weltgeist – auch das ein Begriff, der keine leichte Kost darstellt.

W  Philosophiegeschichtlich gesehen zeichnet sich so eine Evolution des Freiheitsbewusstseins ab, die wir mit dem Wort von der Weltgeschichte als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ bereits zitiert haben.

R  Weil diese Geschichte in die konkreten Verhältnissen der Welt verstrickt ist und das Freiheitsbewusstsein sich erst allmählich gegen Widerstände durchsetzt, sind Jahrtausende nötig. Ich zitiere wörtlich: „Diese konkrete Idee (der Freiheit) ist das Resultat der Bemühungen des Geistes durch fast 2500 Jahre“.

W  Hegel begründet die „Langsamkeit“ der Entwicklung sowie den „ungeheuren Aufwand“ und die „Arbeit des Geistes, sich zu erfassen“ ausdrücklich mit dem „Begriff seiner Freiheit“: „Die Griechen und die Römer […] wussten nichts von diesem Begriff, dass der Mensch als Mensch frei geboren, dass er frei ist. […] Sie wussten wohl, dass ein Athener, ein römischer Bürger […] frei ist, dass es Freie und Unfreie gibt; ebendarum wussten sie nicht, dass der Mensch als Mensch frei ist.“

R   Wenn man wie Hegel unterstellt, dass die „vernünftige“ Betrachtung der Weltgeschichte etwas ganz anderes ist als die Annahme eines wirren Spiels von Zufällen und Machtinteressen, versteht man, dass er die  Freiheit in einem Staat, der das Prädikat „Freistaat“ verdient, als „absolute(n) Endzweck der Geschichte“ begreift.

W  Aber nur im Rückblick auf die Freiheitsgeschichte ist ein solcher „Endzweck“ überhaupt auszumachen. Deshalb darf die ganz und gar missverständliche Rede vom Endzweck der Geschichte nicht teleologisch interpretiert werden, weil damit Hegels genetische Konzeption und mit ihr die Evolutionsphilosophie der Freiheit verlorenginge.

R  Hegels Sicht auf die Geschichte ist eben die eines Philosophen, nicht die eines Historikers.

Z  Jetzt verstehe ich: Er interessiert sich nicht für historische Tatsachen, sondern für die fortschreitende Verwirklichung der philosophischen Idee politischer Freiheit.

R  Eben deshalb begreift Hegel seine Zeit als die Moderne, weil erst in ihr das Wissen erzeugt wurde, dass Freiheit sich in Recht und Staat äußert, nicht als „ein positives, durch Gewalt, Not usf. abgedrungenes Privilegium“, sondern als „Substanz“ der Freiheit oder wie Hegel auch sagt als ihr „Leben“. Von daher versteht sich der Titel unseres heutigen Gesprächs: „Hegel und die gelebte Freiheit“. Der Staat in Gestalt des Freistaates ist das Leben der Freiheit.

Z  Ich habe mir als Merksatz eingeprägt: „Freistaat ist das deutsche Wort für Republik“.

W  Das ist die lateinische Worttradition. Hegel nennt den Staat, der die republikanische Freiheit aller gewährleistet, in griechischer Tradition den „politischen Staat“. Leider fehlt uns die Zeit, die drei Momente im einzelnen zu erörtern, aus denen sich das dialektische Ganze staatlicher Freiheitsgewährleistung zusammensetzt.

R  Nur so viel: Die drei Freiheitsmomente sind das Recht, die Moralität und die Sittlichkeit. Die Vernunft, die in der etwas altertümlich klingenden Sittlichkeit wirksam wird, ist die „politische Gesinnung“ und damit – so wörtlich – „das zur Gewohnheit gewordene Wollen“, die Freiheit als „Resultat der im Staate bestehenden Institutionen“ zu verwirklichen …

W …beispielsweise zur Wahl zu gehen, obwohl in einem Staat, der die Freiheit der Wahl garantiert, nichts dazu zwingt als die politische Vernunft. Die politische Vernunft und ihre entsprechende Realisierung verlangt jedoch auch die bleibende Anstrengung des Denkens, um die unvernünftigen, d.h. unfreiheitlichen Tendenzen in der Gesellschaft aufzudecken.

Z  Was aber auch die Aufgabe einer kritischen Zivilgesellschaft ist.

 W  In Deutschland hat sich nach zwei Diktaturen der Freistaat durchgesetzt: Am 8. Mai 1945 durch eine militärische Befreiung und am 9. November 1989 durch einen unblutigen Umsturz …

R  … im Rahmen einer Freiheitsrevolution, deren gesamtdeutsches Erbe ein Geschenk darstellt, das wir nicht leichtfertig verspielen dürfen.

W  Der Einsatz für den Erhalt und die Pflege unserer Freistaatlichkeit ist Aufgabe aller wahren Freiheitsfreunde.