Epilog: Pluralität der Freiheit

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Z  Sie beschließen Ihre Gespräche mit einem Epilog.

W  Nachdem Sie unseren Dialog sehr aufmerksam begleitet haben, sind wir natürlich gespannt auf Ihre abschließende Stellungnahme.

Z  Zunächst hatte ich nicht erwartet, dass Ihre Freiheitsfreunde so unterschiedlich von Freiheit sprechen. In Ihren Gesprächen haben Sie die Perspektive der einzelnen Philosophen und ihrer jeweiligen Philosophie darstellt. Wie mir scheint, treffen sich diese Perspektiven jedoch nicht in einem gemeinsamen Punkt.

R  Unsere Freiheitsfreunde gehören verschiedenen Epochen an. Wenn Hegel sagt, Philosophie sei „ihre Zeit in Gedanken erfasst“, so bedeutet dies, dass die Freiheitsgedanken aufgrund der verschiedenen Zeiten unterschiedlich sein müssen. Damit ergibt sich kein gemeinsamer Gesprächsgegenstand.

Z  Aber wäre es nicht möglich, die verschiedenen Positionen in ein fingiertes Gespräch der Philosophen miteinander einzubringen. Ich stelle mir vor, dass das Gespräch ähnlich wie bei Sokrates ablaufen könnte.

W  Wenn Sie an das aporetische Ende der sokratischen Dialoge denken, dürften Sie keine abstrakte begriffliche Erklärung dessen erwarten, was denn nun das Wesen der Freiheit ist.

R  Zu bedenken sind auch die epochalen Differenzen, die sich einer philosophischen Harmonisierung widersetzen. „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist für Freiheit keine angemessene Devise.

W  Ich erinnere an Hannah Arendts Plädoyer für die Pluralität der Wahrheit. Bezogen auf die Freiheit bedeutet dies, dass die verschiedenen philosophischen Positionen die Pluralität der Freiheit widerspiegeln.

Z  Soll das heißen, dass es die Freiheit schlechthin nicht gibt?

R  Wenn wir keine Tyrannei der Freiheit wollen – die ein Widerspruch in sich wäre –müssen wir uns von „der“ Freiheit als der Freiheit an sich verabschieden. Wir könnten zwischen unseren Freiheitsphilosophen aber eine Art philosophischer Verwandtschaftsbeziehungen herstellen.

W  Du spielst auf den Begriff der Familienähnlichkeit von Wittgenstein an?

R  Dabei geht es selbstverständlich nicht um äußere Ähnlichkeiten wie die Knollennase des alten Sokrates, sondern um die innere Übereinstimmung im philosophischen Prinzip. So ist die sokratische Freiheit des Fragens mit dem grundsätzlichen Zweifel bei Descartes verwandt. Bei beiden könnten wir auch ein revolutionäres Moment ihrer Freiheitskonzeption feststellen.

W  Andererseits findet man das dialogischen Prinzip der sokratischen Freiheit in familienähnlicher Weise bei Rombach: Ich kann nicht allein für mich frei werden.

R  Eine prinzipielle Übereinstimmung in der politischen Perspektive auf die Freiheit  erkennen wir bei Aristoteles, Rousseau und Hegel. Aus der griechischen Polis wird bei Rousseau und Hegel der Freistaat als Ordnungsstruktur freiheitlichen Daseins.

W  Rousseau und Kant verbindet das Phänomen des freien Willens. Der gemeinsame freie Wille aller freiheitsgesinnten Bürger enthält bei Rousseau eine enorme politische Kraft.

R  Das ist die Wirkung, die auch Hegel interessiert. Die Genese des Freiheitsbewusstseins und der damit einhergehenden Realisierungsformen von Freiheit ist von einer wirksamen Willensdynamik getragen.

W  Und weil es sich dabei um die philosophische Betrachtung weltgeschichtlicher Entwicklungen handelt, bleibt Rombachs These unberührt, dass Freiheit keine Eigenschaft ist, von der wir willentlich Gebrauch machen können.

R  Die grandiose Konzeption Picos della Mirandola vom Menschen als „plastes et fictor“ findet in Heideggers Rede vom Entwurf ihre existenzphilosophische Modifikation. Das entsprechende Freiheitsphänomen ruht jedoch auf unterschiedlichen epochalen Fundamenten.

W  Picos Entwurfspotential könnte als absolute Freiheit verstanden werden. In dieser Hinsicht gibt es Entsprechungen zu Sartres Formel: die Existenz geht der Essenz voraus. Allerdings liegt zwischen Picos biblisch-christlichem Denkhorizont und dem Atheismus Sartres eine unauflösbare Differenz.

R  Weil trotz gewisser Familienähnlichkeiten die Unterschiede epochal differieren, wäre ein echtes Gespräch zwischen Pico und Sartre nicht denkbar. Das Hermetische der epochalen Verfasstheit  lässt sich nicht auf hermeneutische Weise überbrücken.

Z  Würden Sie mir das bitte auf deutsch erklären!

W   Die beiden philosophischen Entwürfe ruhen auf unterschiedlichen weltanschaulichen Fundamenten. Diese lassen sich einander nicht so annähern, dass dadurch ein neues gemeinsames Fundament entstehen könnte, auf dem dann eine hermeneutische Übersetzung möglich wäre.

R  Möglich ist aber, hermeneutische Entsprechungen von dritter Seite, durch uns als Interpreten, herzustellen. Durch diese „sprechen“ die Philosophen auf vermittelte Weise miteinander.

Z  Ihre Verwandtschaftsbeziehungen rücken aber nur das Verbindende ins Licht. Von möglichen Streitigkeiten zwischen Ihren Freiheitsphilosophen haben Sie nicht gesprochen. Da gäbe es wohl viel mehr zu sagen.

R  Auch ein Streit ist nur auf gemeinsamer Gesprächsgrundlage möglich.

Z  Das leuchtet ein. Dann frage ich nach Ihrem eigenen Freiheitskonzept.

W  Wenn Sie uns am Ende der Gesprächsreihe direkt danach fragen, wollen wir mit unserer Antwort nicht hinter dem Berg halten. So völlig eigen ist dieses Konzept allerdings nicht. Es kann als Fortführung des Rombachschen Ansatzes verstanden werden.

Z  Gerade bei ihm hatte ich meine Zweifel. Wenn ich mich recht erinnere, sagt er: „Freiheit lässt Leben gelingen“. Das mutet auf den ersten Blick großartig an. Aber vielen Menschen gelingt ihr Leben nicht und sie haben das Gefühl, dass es nicht an ihnen liegt, zumindest nicht an ihnen allein. Solchen Menschen muss Ihr Lobpreis der Freiheit wie Hohn erscheinen.

W  Danke für diesen wichtigen Einwand. Er führt indirekt zu unserer Konzeption. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man Nichtgelingen von Scheitern unterscheiden muss.

Z  Typische Philosophen-Haarspalterei, könnte man meinen.

R  Oft liegen zwischen sehr ähnlich scheinenden Phänomenen Welten.

Z  Dann erklären Sie bitte den Unterschied.

W  Es hängt alles an der Einstellung zu dem, was nicht in Erfüllung ging. Nehmen wir ein Beispiel: Psychotherapeuten berichten von Frauen, die in eine elementare Lebenskrise geraten, weil nach wiederholten Versuchen, schwanger zu werden, auch medizinische Unterstützung in sogenannten Kinderwunschzentren ohne Erfolg blieb. Weil der Lebenstraum vom Kind geplatzt ist, erscheint diesen Frauen ihr Leben sinnlos, sodass sie sogar an Suizid denken.

R  An Deinem Beispiel kann man erkennen, dass die Verwechslung von „Sinn“ und „Zweck“ sehr problematisch werden kann. Wenn der Kinderwunsch derart verabsolutiert wird, dreht sich alles nur darum, diesen Zweck zu erfüllen. Wie die Studien zu Frauen in Lebenskrisen wegen des Ausbleibens  einer Schwangerschaft zeigen, setzen sie alle verfügbaren  Mittel ein, um den angezielten Zweck zu erfüllen. Mit dem Verfehlen derZweckerfüllung betrachten sie dann auch ihr eigenes Leben als verfehlt.

Z  Und wie schaffen es Therapeuten, diese verzweifelten Frauen davon abzubringen, sich das Leben zu nehmen?

R  Es kommt darauf an, dass sie lernen, loslassen zu können. Das Gelingen hängt in diesem Fall gerade nicht von einem zweckorientierten oder zielgerichteten Handeln ab, sondern vom Verzicht auf die Verabsolutierung des gesteckten Zieles.

W   Weniger dramatisch sind vielleicht verhinderte Projekte, die sich nicht verwirklichen lassen. Man könnte dann davon sprechen, dass sie gescheitert sind. Aber eben durch diese Interpretation vollzieht man das Scheitern. Es gibt andere Möglichkeiten, damit umzugehen. Schon weniger totalisierend könnte die Beantwortung der Situation als Nichtgelingen gesehen und erlebt werden.

W  Du meinst, wenn ich die Situation anders interpretiere, dann wird auch die Situation eine andere?

R  Situationen sind nichts Objektives, sondern stets bin ich als Subjekt mitbeteiligt. Darin liegt ein immer neu zu entdeckendes Freiheitspotential, denn niemand kann mich dazu zwingen, einen Misserfolg zum eigenen Scheitern zu erklären. Ganz im Gegenteil: Die geänderte Einstellung zur Nichtrealisierbarkeit eines Projekts eröffnet neue Spielräume. Diese können sogar so weit reichen, dass ich das „Scheitern“ annehme, akzeptiere, begrüße, weil ich erkenne, dass darin die Möglichkeit liegt, ein anderer werden zu können.

W  Dies erinnert mich an eine Episode aus den Kalendergeschichten von Brecht. „Was machen Sie?“ wurde Herr K. gefragt. „Ich bereite meine nächsten Irrtum vor“, gab K. zur Antwort. In dieser Szene reflektiert Brecht eine positive Einstellung zu eigenen Irrwegen.

R  Der bewusste und geschärfte Umgang mit der eigenen Möglichkeit, das Scheitern als Nichtgelingen zu erfahren, ist schon eine Befreiung aus der Falle bzw. das Erkennen der Falle , um nicht in sie hinein zu tappen.

W  Ich würde sagen, es ist eine Freiheitserfahrung, diesen Unterschied zwischen Scheitern und Nichtgelingen nicht nur reflektiert, sondern auch erlebensmäßig vollzogen zu haben. Dafür kann man einen Spürsinn entwickeln, den ich Freiheitssinn nennen würde.

R  Aber auch die sich daraus ergebende Fähigkeit, ein Nichtgelingen ins Positive zu wenden, setzt unter günstigen Umständen ungeahnte Kräfte frei.

W  Dazu sage ich: Bon courage, Good luck oder Nur Mut!

Z  Ein bißchen kommen Sie mir vor wie Münchhausen, der sich immer am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Wie wir aber wissen, ist dies die literarische Fiktion einer real unmöglichen Handlungsweise.

R  Sie wollen uns aber hoffentlich nicht mit dem Lügenbaron vergleichen.  Was nicht von allen und nicht zu jeder Zeit erfahrbar ist, muss deshalb weder abwegig noch erfunden sein. Aber es könnte ein Modell werden für gelebte Freiheit auch im Nichtgelingen.

W  Und mit diesem Modell: „Freiheit im Nichtgelingen“ setzen wir unseren eigenen Freiheitsakzent.