Descartes und die Freiheit des Zweifelns

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 W  Achtes Gespräch: Descartes und die Freiheit des Zweifelns.

Z  Die „Freiheit des Zweifelns“ erinnert mich an die „Freiheit des Fragens“ in Ihrem Gespräch über Sokrates..

R  Der Eindruck ist durchaus berechtigt. Sokrates haben wir als Stammvater alteuropäischen Philosophierens kennengelernt. Descartes werden wir als Begründer neuzeitlichen Denkens vorstellen.

Z  Dann werden Sie den Unterschied zwischen Fragen und Zweifeln erklären.

R  So ist es. Während Sokrates die sicher geglaubten Meinungen seiner Gesprächspartner hinterfragte, geht es bei Descartes um den prinzipiellen Zweifel an sicher geglaubten Grundlagen des Wissens.

W  Seine „Meditationen über die Erste Philosophie“ zielen – wie er selbst sagt – auf eine „Untergrabung der Fundamente“ und der „Prinzipien, auf die alles sich stützte, was ich früher für wahr hielt.“

R  Sokrates‘ Hinterfragen war stets bezogen auf lebensweltliche Phänomene wie Tapferkeit, Freundschaft oder Gerechtigkeit, der erkenntnistheoretische Zweifel bei Descartes hingegen ist radikal.

W  Während Sokrates fragte, wie menschliches Leben gelingen kann, fragte Descartes, wie der Mensch zu sicheren Erkenntnissen gelangt. Der Zweifel hat bei ihm methodischen Charakter.

Z  Wie ist das zu verstehen?

R  Der Zweifel hat dienende Funktion. Er soll schrittweise zu Erkenntnissen führen, die nicht mehr weiter bezweifelt werden können. Es geht ihm also nicht darum, alles umzustürzen, sondern darum, nach dem Umsturz ein sicheres System aufzubauen.

W  Sokrates wollte im dialogischen Verfahren die Irrtümer seiner Gesprächspartner aufdecken, Descartes hingegen zieht sich in die Einsamkeit zurück und führt eine Art monologisches Gespräch.

R  Sokrates im lebendigen Dialog im Zentrum Athens, Descartes der einsame Denker in Holland. Welch ein Unterschied!

Z  Ich denke , Descartes war Franzose?

R  Das schon, aber er fürchtete ein ähnliches Schicksal wie sein italienischer Zeitgenosse Galilei. Weil auch im katholischen Frankreich die Inquisition herrschte, wählte er das holländische Exil.

Z  Dann wollte Descartes wohl auch nicht das Schicksal eines Sokrates erleiden. Aber gibt es denn überhaupt eine Erkenntnis, die nicht wiederum bezweifelt werden kann?

W  Eine sehr gute Frage! Unser Zweifler stellt alles in Frage und nimmt daher an, alles, was ihm wirklich erscheint, wären nur Täuschungen. Deshalb macht er die Annahme (wörtlich):„es gebe gar nichts in der Welt, keinen Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper.“

R  Was bleibt dann noch übrig? Ist alles Nichts?

W  Nein. Das alles bezweifelnde Ich kann nicht getilgt werden. Es übersteht alle Zweifel. Oder anders formuliert: Ich kann nicht bezweifeln, dass ich zweifle. Das zweifelnde Ich bleibt übrig. Ich zweifle, also bin ich.

R  Lautet nicht die berühmte Formel: „Cogito ergo sum. Ich denke also bin ich.“? Du ersetzt „denken“ durch „zweifeln“.

W  Zunächst: Zweifeln ist eine Weise des Denkens. In der zweiten Meditation formuliert Descartes überraschend anders: „Mag ein böser Geist mich nun täuschen, soviel er kann, so wird er doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schließlich festhalten, dass der Satz »Ich bin, ich existiere«, sooft ich ihn ausspreche oder im Geist auffasse, notwendig wahr sei.“

R  Descartes vermeidet hier offensichtlich bewusst die frühere Formel „Cogito ergo sum“ Was könnte ihn dazu bewogen haben?

W  Das „ergo“ (auf deutsch so viel wie „also“, oder „folglich“) könnte man als logische Schlussfolgerung verstehen. Für Descartes bilden jedoch Existieren und Denken eine Einheit.

R  In dieser Einheit scheint das Ich jedoch nicht vorzukommen. Der für Descartes notwendig wahre Satz: „Ich bin, ich existiere“ stellt das Ich nicht in den Mittelpunkt.

W  Auf die Frage, „was bin ich denn nun?“, antwortet er: „ genau genommen lediglich ein denkendes Ding. Was ist das? Ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will, das auch bildlich vorstellt und empfindet.“ Zitatende.

R  Dann verfügt das denkende Ich über Fähigkeiten, die über das Denken im engeren Sinne hinausgehen, und  das denkende Ding hätte sie nicht, wenn es nicht existierte. Daher ist die Existenz des denkenden Dings für Descartes die erste sichere Erkenntnis, die nicht bezweifelt werden kann.

W  Die Mächtigkeit dieser Erkenntnis übertrifft alle anderen Erkenntnisformen wie beispielsweise „ich erkenne dich nicht auf diesem Bild“. Eine Erkenntnis von dieser Wucht nennt Descartes Evidenz. Sie unterscheidet sich fundamental von Erkenntnissen, die durch logische Schlussfolgerungen gewonnen werden.

R  Eine Evidenz ist unmittelbar einleuchtend und von frappierender Klarheit. Man könnte sie eine Ursprungserkenntnis nennen; sie begründet die „prima philosophia“.

Z  Das kann ich nachvollziehen. Aber worin liegt der Freiheitsbezug der cartesischen Evidenz?

W  Er geht aus seinem Resümee in der zweiten Meditation hervor: „Der Geist macht von der ihm eigenen Freiheit Gebrauch“. Das Denken hat seine Selbständigkeit oder mit Kants Begriff seine Autonomie gegenüber dem Welthaften erschlossen. Die Freiheit besteht im Vorrang des Denkens vor der Wirklichkeit.

R  Ich erinnere daran, dass Descartes das denkende Ding „res cogitans“ nennt und es von der „res extensa“ unterscheidet, dem, was wir als äußere Wirklichkeit bezeichnen. Freiheit ist somit eine Sache des Denkens.

Z  Darf ich um eine konkretere Erklärung bitten?!

R  „Extensa“ heißt wörtlich „ausgedehnt“. Zur „res extensa“ gehören alle körperlichen Dinge, die wegen ihrer Körperlichkeit durch Ausdehnung bestimmt sind. Sie sind räumlich und nehmen zugleich eine bestimmte Stelle im Raum ein. Wegen dieser Eigenschaften sind sie messbar.

W  Durch die Unterscheidung res cogitans und res extensa begründet Descartes jenen neuzeitlichen Dualismus von Geist und Körper, Idee und Wirklichkeit, Rationalität und Realität, der unser Denken bis heute bestimmt.

R  Ich will den Freiheitsaspekt noch weiter erläutern. Während bis zu Descartes Wahrheit als „adaequatio intellectus ad rem“ definiert wurde, als „Angleichung des Verstandes an die Dinge“, kehrt er die Verhältnisse um. Nun müssen sich die Objekte der Außenwelt nach dem Verstand richten.

Z  Ich hoffe, dies meint keine diktatorische Rationalität des Verstandes.

W  Keine Diktatur, sondern ein Leitkriterium der Erkenntnis. Die cartesische Erkenntnis zielt nicht auf Abbildung der Welt, sondern auf ihre Konstruktion durch das Denken. Descartes hat die Welt in zwei Hälften zerrissen. Diesen Riss versteht er jedoch nicht als Mangel, sondern als Signum der Freiheit des Geistes. Descartes initiiert den Grund-Riss unserer Wirklichkeit.

R  Halten wir zunächst fest, dass mit dem cartesischen „Grund-Riss“ eine konstruktive Methode rationaler Erkenntnis – mit dem üblichen Etikett: des Rationalismus – verbunden ist und kein destruktiver Dualismus.

W  In der Fortsetzung des cartesischen Ansatzes wird dann die Subjekt-Objekt-Spaltung kennzeichnend für den modernen Subjektivismus. Wenn man so will, geht der Subjektivismus auf Descartes zurück.

Z  Für mich hört sich das nicht wirklich neu an.

W  Das glaube ich gern, weil Descartes unsere moderne Art zu denken so grundsätzlich geprägt hat, dass wir sie für selbstverständlich halten.

R  Der philosophische Subjektivismus darf jedoch nicht mit dem individuellen Subjektivismus verwechselt werden, der schlicht davon ausgeht, dass jeder seine subjektiven Vorstellungen von der Welt hat.

W  Subjektivismus im philosophischen Sinne meint, dass sich das erkennende Ich zum Subjekt der Wahrheit macht und der Verstand ein wirklichkeitbegründendes Prinzip wird. Diese später von Kant systematisch ausgearbeitete Vorstellung ist schon bei Descartes präsent, wenn er davon spricht, „dass der menschliche Geist ein Wissen besitzt“.

R  Er verweist darauf, dass im Verstand ein evidentes Wissen liegt, das dieser von sich aus generieren kann, ein Wissen, das nicht „von außen“ kommt, sondern durch die Selbsterkenntnis des Denkens erschlossen werden kann.

W  Was sein Zeitgenosse Galilei für die Astronomie geleistet hat, leistet Descartes auf dem Gebiet der Philosophie. Nicht, was wir so alltäglich wahrnehmen, kann als Erkenntnis gefasst werden, sondern nur, was wir zuvor im Geiste entworfen haben und dann  empirisch bestätigen können.

R  Mit Descartes beginnt eine neue Epoche des Denkens. Von ihr sagt Martin Heidegger, „der Anspruch des Menschen auf einen von ihm selbst gefundenen und gesicherten Grund der Wahrheit“ entspringe jener „Befreiung“, „in der er sich aus der erstrangigen Verbindlichkeit der biblisch-christlichen Offenbarungswahrheit und der Kirchenlehre loslöst.“

W  Aufgrund dieser Leistung sehen wir in Descartes nicht nur einen wirkungsmächtigen Erkenntnistheoretiker, sondern einen veritablen Freund der Freiheit, einer Freiheit, die durch das Zweifeln gewonnen wurde.

R  Diese Freiheit wurde zum Ursprung eines Paradigmenwechsels, einer Revolution des wissenschaftlichen Weltbildes. Nach ihr hatte es das neuzeitliche Denken mit einer anderen, nämlich pluralistischen Welt und einer ihr entsprechenden Wirklichkeit zu tun.

W  Von der Idee einer einheitlichen Wirklichkeitsinterpretation werden wir uns wohl für immer verabschieden müssen. Dieser Abschied darf jedoch nicht bedauert, sondern sollte auch deshalb begrüßt werden, weil damit alle Absolutheitsansprüche obsolet geworden sind.

Z  Dann ist es mit der Tyrannei der einen Wahrheit vorbei. Und das ist gut so.