Aristoteles und die Gemeinschaft der Freien

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W  Sechstes Gespräch: Aristoteles und die Gemeinschaft der Freien.

Z  Heute werden Sie also über Aristoteles reden. Weil Sokrates in den frühen platonischen Dialogen eine besondere Stellung einnimmt, haben Sie ihn ausführlich behandelt, aber Platon selbst wollen Sie überspringen? Das müssen Sie mir erklären.

R  Unser Interesse gilt nicht den großen Philosophen als solchen, sondern den „wahren Freunden der Freiheit“. Und zu ihnen können wir Platon – anders als Sokrates – nun einmal nicht zählen.

W  Der Grund dafür ist die sogenannte Ideenlehre, die Platon in den mittleren und späten Dialogen ausgerechnet seinem Lehrer Sokrates in den Mund legt. Der dort auftretende Sokrates ist nicht mehr der nichtwissende Fragesteller, sondern derjenige, der im Wissen der Ideen um das wahre Wesen der Dinge weiß.

R  Nur der philosophisch Geschulte ist folglich in der Lage, die Ideen als Urbilder der empirisch wahrnehmbaren Dinge zu erkennen – etwa die Idee des Guten. Aus ihr leitet sich dann auch die Idee einer gerecht geordneten Polis ab. Für deren Schutz setzt Platon Wächter ein; die Herrschaft über die gesamte Polis überträgt er aber den Philosophen.

Z  Das ist die berühmt-berüchtigte Philosophenherrschaft …

W  …die nicht nur wir als freiheitsfeindlich beurteilen. Die Kritik an Platons „Politeia“ übt schon sein Meisterschüler Aristoteles, der sich dabei auch klar und deutlich gegen die platonische Ideenlehre ausspricht.

R  Hannah Arendts Kritik an der platonischen „Tyrannei der Wahrheit“, die wir in unserem Sokrates-Dialog diskutiert haben, hat also – wie ihre politische Philosophie insgesamt – aristotelische Wurzeln.

W  Das Gute gewinnt auch bei Aristoteles zentrale Bedeutung. Sowohl in der Ethik als auch in der Philosophie der Politik nimmt es eine Leitfunktion ein.

R  Aber nicht als Idee. Für Aristoteles ist das oberste Gut, nach dem alle streben, die „eudamonia“. Manche übersetzen es mit Glück, andere mit gelingendem Leben. Ein glückendes oder gelingendes Leben wählen wir – so in wörtlicher Übersetzung – „stets um seiner selbst willen und niemals zu einem darüber hinausliegenden Zweck.“

W  Und dazu ergänzend: „So erweist sich denn die eudaimonia als etwas Vollendetes, für sich allein Genügendes: sie ist das Endziel des uns möglichen Handelns.“

Z  Wenn Aristoteles von „Ideen“ im platonischen Sinne nichts hält, was versteht er dann unter einem „Endziel“?

R  Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an. Aristoteles unterscheidet nämlich zwei Gattungen des Tätigseins: die „praxis“ des Handelns und die „poiesis“ des Herstellens. Die Handlungszusammenhänge unserer lebensweltlichen „praxis“ folgen keiner technischen oder instrumentellen Rationalität. Sie sind, wenn sie gelingen sollen, in sich selbst sinnerfüllt und gerade nicht zweckbestimmt.

W  Aristoteles hat dafür das Kunstwort „entelecheia“ erfunden – im Gebrauch als Lehnwort: die Entelechie. Ich halte es für einen Geniestreich, dass er die eudaimonia als das entelechiale Ziel allen Handelns ansetzt: sowohl in der Lebenspraxis des Einzelnen als auch in der politischen Praxis der Gemeinschaft.

R  Das sehe ich genauso. Das heißt: Politik und Ethik konvergieren im Ziel des gelingenden Lebens innerhalb einer lebendigen  Gemeinschaft der Polis. Und weil der Mensch seinen natürlichen Anlagen nach ein „zoon politikon“ ist, erfüllt sich Menschsein in einer wohlgeordneten politischen Gemeinschaft.

Z  Soweit ich weiß, bedeutet „zoon politikon“ soviel wie „staatenbildendes Wesen“.

W  Gemäß dieser üblichen Übersetzung ist der Mensch auf das Vorhandensein einer staatlichen Gemeinschaft als Grundbedingung für das Gelingen menschlicher Existenz angewiesen.

R  Hier ist aber Vorsicht geboten. „Staat“ ist ein neuzeitliches Phänomen, weshalb ich vorziehe, die antike Polis original aristotelisch als „politische Gemeinschaft“ und den Menschen als „politisches Wesen“ zu bezeichnen.

 

W  Als vollkommene menschliche Gemeinschaftsordnung besteht die aristotelische Polis aus mehreren Gemeinschaften: Dienst-, Ehe-, Familien-, Haushalts- und Dorfgemeinschaften, ohne die der Mensch seine entelechial in ihm angelegten Fähigkeiten weder je für sich erlernen noch in Interaktionen mit anderen entfalten könnte.

R  Das heißt, die politische Gemeinschaft des Aristotelesist in sich pluralistisch gestaltet.

Z  Das alles klingt sympathisch, setzt aber ein weites Verständnis des Politischen voraus. Und worin besteht denn nun das Gute in dieser politischen Gemeinschaft?

R  Zunächst ist „politisch“ im engeren Sinne bei Aristoteles die Frage nach der besten Verfassung der Polis. Er nennt sie „politeia“ – wie Platon –, bestimmt sie aber völlig anders, nämlich als das abwechselnde Regieren und Regiertwerden unter Freien und Gleichen auf der Grundlage der für alle geltenden Gesetze.

W  Die gute, auf eudaimonia angelegte Verfassung der Polis verlangt eine Gemeinschaft freier und in ihrer Freiheit gleicher Menschen, die sich politisch dafür einsetzen, dass es zu keiner unfreien und ungleichen despotischen Herrschaft kommt.

R  Hier sollte man allerdings vor der anachronistischen Assoziation auf der Hut sein, an Freiheit und Gleichheit im heutigen Sinne zu denken. Die individuelle Freiheit von Subjekten der Menschenwürde und Trägern subjektiver Freiheits- und Gleichheitsrechte ist eine Erfindung der Neuzeit. Der Philosophie der Antike waren solche Rechte völlig fremd.

W  Die aristotelische Freiheit bezieht sich nicht auf persönliche oder private, sondern auf politische oder öffentliche Freiheit, auf die Freiheit im öffentlichen Raum der politischen Gemeinschaft.

Z  Wie Sie schon im Prolog beklagt haben, wird die politische Dimension der Freiheit von vielen unserer Zeitgenossen nicht geschätzt.

R  Gut, dass Sie darauf hinweisen. Aber auch das Gemeinwohl, für Aristoteles das entscheidende Kriterium für die richtige politische Ordnung, entspricht nicht dem individualistischen Trend der Zeit.

W  Regierungsformen, die das Gemeinwohl missachten, gefährden nach Aristoteles die freiheitliche politische Ordnung.

R  Die am Gemeinwohl orientierte Regierung eines Einzelnen nennt Aristoteles basileia (Königtum), die despotische Form der Alleinherrschaft tyrannis. Wenn einige gemeinwohlorientiert regieren, bilden sie eine Aristokratie, im gegenteiligen Falle eine Oligarchie. Für die politische Regierungsweise vieler verwendet er den Ausdruck politeia, für die despotische Herrschaft der Menge das Wort demokratia.

Z  Aristoteles will also keine Demokratie?

R  Nein, denn Demokratie als reine Volksherrschaft bot ihm zufolge keine Garantie für die Freiheit aller, weil sie einseitig am Interesse des einfachen und armen Volkes (demos) orientiert war. Deshalb feiern wir Aristoteles nicht als Altmeister demokratischer, sondern republikanischer Freiheitsphilosophie.

Z  Worin sehen Sie den Unterschied?

R  Als Verfassungsbegriff ist Demokratie durch Volkssouveränität definiert. Das Grundgesetz bestimmt dies mit dem Satz „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“.

W  Die wohlklingende Formulierung einer politischen oder mit dem lateinischen Lehnwort republikanischen Gemeinschaft freier und gleicher Menschen unterschlägt jedoch, dass es sich bei den Regierenden der aristotelischen politeia um eine Elite der Wohlhabenden handelte.

R  Deren politische Klugheit jedoch darin bestand, nicht nur einseitig ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

W  Dann wäre Selbstbeschränkung der Machtmöglichkeiten das Gebot einer im republikanischen Sinne freiheitlichen Ordnung?

R  So ist es. Damit diese Ordnung das Gemeinwohl funktionsfähig realisieren kann, ist sie auf Menschen angewiesen, die befähigt sind, ein regierendes Amt auszuüben. Erfahrungsgemäß kommt dafür nicht jeder in Frage.

W  Wenn Aristoteles nicht alle am Regieren teilhaben lässt, entspricht dies primär seinem Realitätssinn und Pragmatismus.

R  Da es Aristoteles um die bestmögliche Verfassung geht, erhebt er für die Funktionsträger der Polis höchste Ansprüche und verlangt eine besondere politische Tauglichkeit.

W  Und das abwechselnde Regieren und Regiertwerden erscheint mir als besondere Freiheitsgarantie.

R  Eine Verfassung, die dieses Prinzip garantiert, verhindert die Despotie. Modern ausgedrückt garantiert sie non-domination.

Z  Non-Domination ist zwar trendy, aber auf Grund der allgemeinen Politikverdrossenheit setzen sich zu wenige aktiv dafür ein.

R  In aristotelischer Tradition setzt die politische, republikanische oder freistaatliche Ordnung einen inneren Zusammenhalt unter jenen Freien und Gleichen voraus, die sich nicht beherrschen lassen möchten, sondern selbst regieren wollen.

W  Aristoteles hat diesen Zusammenhalt auf die „philia“ zurückgeführt, eine politische Form der Freundschaft, für die wir heute keinen eigenen Begriff mehr haben.

R  Das ist nicht verwunderlich, weil die aristotelische politeia auf Nähebeziehungen zwischen den Mitgliedern jener Elite beruhte, die sich für das Gelingen des gemeinsamen Lebens in der Polis einsetzten.

W  In den großen Flächenstaaten der Gegenwart ist dieser politische Einsatz buchstäblich demokratisiert worden.

Z  Jeder Staatsbürger darf wählen.

R  Aber an der immer weiter sinkenden Wahlbeteiligung kann man ablesen, welcher Wert der politischen Gemeinschaft heute beigemessen wird.

W  Desinteresse am öffentlichen Leben der politischen Gemeinschaft gefährdet die freistaatliche Ordnung einer Republik. Gerade das Interesse am Gemeinwesen und am Gemeinwohl war für Aristoteles die Voraussetzung für eudaimonia, das heißt für ein gesamtgesellschaftlich gelingendes Leben, das sich nicht im privaten Wohlleben erschöpft.